„Oxident gegen Orient“ Europabilder in der Berliner Morgenpost während des Boxerkriegs

Im Juni 1900 rückte auf einmal China in den Fokus der internationalen Medienaufmerksamkeit. Der Berliner Morgenpost vom 19. Juni zufolge – der ersten Quelle zu diesem Essay – schaute man allgemein in „nervöser Erwartung“ den „Meldungen vom ostasiatischen Kriegsschauplatze“ entgegen. Die dortigen Ereignisse dominierten zwei Monate die Titelseiten der Zeitungen und waren bis in das nächste Jahr hinein noch häufig Thema der Presse. Gegenstand des Interesses war der Krieg sechs europäischer Länder, der Vereinigten Staaten von Amerika und Japans gegen China, bekannt geworden als ‚Boxerkrieg’ oder ‚Boxeraufstand’. [...]

„Oxident gegen Orient“. Europabilder in der Berliner Morgenpost während des Boxerkriegs[1]

Von Christian Methfessel

Im Juni 1900 rückte auf einmal China in den Fokus der internationalen Medienaufmerksamkeit. Der Berliner Morgenpost vom 19. Juni zufolge – der ersten Quelle zu diesem Essay – schaute man allgemein in „nervöser Erwartung“ den „Meldungen vom ostasiatischen Kriegsschauplatze“ entgegen.[2] Die dortigen Ereignisse dominierten zwei Monate die Titelseiten der Zeitungen und waren bis in das nächste Jahr hinein noch häufig Thema der Presse. Gegenstand des Interesses war der Krieg sechs europäischer Länder, der Vereinigten Staaten von Amerika und Japans gegen China, bekannt geworden als ‚Boxerkrieg’ oder ‚Boxeraufstand’. Mit dem jeweils gewählten Begriff wird in der Forschung tendenziell eine bestimmte Perspektive eingenommen: Mit der Bezeichnung des Aufstandes rücken die ‚Boxer‘[3] in den Blickwinkel, jene Bewegung junger, großteils jugendlicher Bauern, die ihre Ursprünge im Norden der deutschen ‚Einflusssphäre’ Shandong hatte, sich ab 1899 in Nordchina ausbreitete und im Mai 1900 die Gegend um Peking erreichte. Auch wenn es dabei zu Kämpfen zwischen Boxern und chinesischem Militär gekommen war, richtete sich die Boxerbewegung – von einzelnen Splittergruppen abgesehen – nicht gegen die chinesische Regierung. Mit der Parole „Unterstützt die Qing, Vernichtet die Fremden“ gaben sich die Boxer vielmehr betont regierungstreu. Es waren andere Gegner, gegen die sich der Aufstand wendete: Im Kontext der immer aggressiveren Politik der Imperialmächte und des rücksichtslosen Vorgehens vieler Missionare gingen die Boxer gewaltsam gegen chinesische Christen, Missionare sowie die in China lebenden Fremden vor. Der Begriff Boxerkrieg legt die Betonung dagegen auf die spätere militärische Eskalation. Die Vertreter der imperialistischen Staaten zeigten sich zunehmend beunruhigt über die Boxerbewegung. Auf ihr Drängen hin wurden Kriegsschiffe vor den zur Stadt Tianjin (zeitgenössisch: Tientsin) gehörigen Hafenbefestigungen, den Daguforts (Takuforts), zusammengezogen, um eine Drohkulisse aufzubauen und die kaiserliche chinesische Regierung zu einem harten Durchgreifen gegen die Boxer zu zwingen. Nachdem Nachrichten von einem am 10. Juni 1900 von Tianjin nach Peking ausgesandten Expeditionskorps unter Admiral Seymour ausblieben, forderten die Marinekommandeure der europäischen Staaten und Japans am 16. Juni die Übergabe der Daguforts binnen weniger Stunden, was der dortige chinesische Befehlshaber ablehnte. Die Erstürmung der Daguforts am folgenden Tag kann als Beginn des Boxerkriegs angesehen werden. Die chinesische Regierung, die der Boxerbewegung bis dahin uneinheitlich und zögernd gegenüberstand, zeitweise aber durchaus versucht hatte, diese zu unterdrücken oder einzudämmen, schwenkte nun auf Kriegskurs ein und solidarisierte sich mit den Boxern.[4]

In den Medien der gegen China verbündeten Staaten wurde allerdings nicht das ‚Dagu-Ultimatum‘, sondern die kurz darauf eskalierenden Ereignisse in Peking für den Ausbruch des Krieges verantwortlich gemacht: Am 20. Juni 1900 wurde der deutsche Gesandte Clemens von Ketteler getötet und die Belagerung des Gesandtschaftsviertels begann. Kurioserweise – aber für die Berichterstattung über den Boxerkrieg durchaus bezeichnend – war die Presse den Ereignissen in China anfangs um ein paar Tage voraus, teilweise übertrafen die eingehenden Nachrichten sogar die zukünftige Entwicklung in Peking: In der Morgenpost wurde schon am 17. Juni die Meldung wiedergegeben, dass der deutsche Gesandte ermordet und die Gesandtschaften in Peking zerstört worden seien. Am 21. Juni verwies die Morgenpost auf eine Meldung des britischen Daily Express, wonach in Peking alle Ausländer ermordet worden seien. Die Morgenpost kommentierte den Wahrheitsgehalt dieser Nachrichten zunächst skeptisch, traute der chinesischen Regierung ein solches Verhalten aber durchaus zu.[5] In den folgenden Wochen bis zur Ankunft eines Expeditionskorps in Peking am 14. August standen die unklare Lage der Eingeschlossenen in Peking und deren möglicher Tod häufig im Fokus der Medienaufmerksamkeit. Da die Telegraphenlinie von Peking nach Tianjin gekappt worden war, kurz bevor sich die Situation in China zuspitzte, konnten die Medien meist nur Gerüchte berichten, die in China kursierten und häufig von britischen Korrespondenten aus Shanghai gemeldet wurden. Die Morgenpost war auf die Meldungen der Nachrichtenagenturen und die Berichterstattung anderer Zeitungen angewiesen, da sie erst später einen Korrespondenten nach China entsandte. Dieser brach in Deutschland zusammen mit den Truppen unter Feldmarschall von Waldersee auf, zu einem Zeitpunkt also, zu dem die Belagerung des Gesandtschaftsviertels schon beendet war und die verbündeten Truppen ‚Strafexpeditionen‘ in China durchführten.

In der heißen Phase des Krieges wurden die eintreffenden ‚Schreckensnachrichten‘ über die Lage in Peking von den Zeitungen mit einer je eigenen Mischung aus Begierde, Skepsis und Abscheu wiedergegeben; am 19. Juni 1900 konnte man etwa in der Morgenpost lesen, dass der „Umstand, daß die telegraphische Verbindung Pekings mit der Küste unterbrochen ist, […] zu Zweifeln an der vollen Wahrheit der Nachricht“ berechtige. Bei aller Unsicherheit über die Lage in China machte die Morgenpost in ihren kommentierenden Passagen klar, dass sie militärisches Eingreifen für geboten hielt. Interessant ist in diesem Zusammenhang ihre Begründung für den Kriegseinsatz: Es sei müßig, darüber zu streiten, „ob diese Vorgänge ein Fiasko aller Kolonialpolitik bedeuten“, vielmehr gehe es darum, „vor allem das Leben der bedrohten Europäer zu retten.“ Ausdrücklich bewertete sie den Einsatz deutscher Truppen nicht im Rahmen der bisherigen Kolonialpolitik, die in der deutschen Öffentlichkeit nicht unstrittig war und besonders von Sozialdemokraten und Linksliberalen scharf kritisiert wurde. Die Morgenpost war eine Zeitung mit linksliberaler Ausrichtung, erfreute sich aber auch unter der sozialdemokratisch gesinnten Berliner Bevölkerung wachsender Beliebtheit. Insofern dürften die Argumente der Kolonialkritiker bei Teilen ihrer Leserschaft einen gewissen Anklang gefunden haben. Zudem gehörte die Morgenpost zu den neuen Zeitungen der am Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden ‚Massenpresse‘, die auf einen möglichst großen Leserkreis zielten und sich in der Aufmachung von den herkömmlichen ‚Parteizeitungen‘ unterschieden. Im Gegensatz zu den Blättern der ‚Massenpresse‘, die sich parteilos gaben, jedoch häufig latent konservativ waren, bezog die Morgenpost regelmäßig politisch Stellung. Aber genauso wie die Konkurrenz stand sie unter dem Druck, möglichst viele Exemplare zu verkaufen.[6] Den Krieg ausdrücklich mit Verweis auf Schutz und Rettung der bedrohten Europäer zu legitimieren, dürfte für sie eine Möglichkeit gewesen sein, den deutschen Kriegseinsatz zu unterstützen, ohne in diesem Kontext zu der kontrovers diskutierten Kolonialpolitik des Deutschen Reiches Stellung nehmen zu müssen und damit potentielle Käufer zu verschrecken.

Aufforderung zur europäischen Solidarität

Noch in einer zweiten Hinsicht ist die Forderung der Morgenpost, „vor allem das Leben der bedrohten Europäer zu retten“, von Interesse, denn zu den Eingeschlossenen in Peking gehörten nicht nur Europäer, sondern auch Staatsbürger Japans, der Vereinigten Staaten, deren chinesische Angestellte sowie chinesische Christen. Dass dennoch immer wieder nur von den ‚Europäern in Peking‘ zu lesen war und die Militäraktion als Krieg ‚Europas‘ gegen ‚China‘, bzw. des ‚Okzidents‘ gegen den ‚Orient‘ beschrieben wurde, zeigt den Einfluss, den der Imperialismus auf das europäische Selbstverständnis dieser Zeit hatte. Die imperiale Expansion war nicht nur ein Feld nationaler Rivalitäten, sondern wurde auch als gesamteuropäisches Projekt verstanden.[7] In der Berichterstattung über den Boxerkrieg wird dies besonders deutlich, handelte es sich doch um die einzige gemeinsame militärische Aktion der imperialistischen Staaten Europas. Nicht nur in der Morgenpost wurde der Krieg deswegen in einem europäischen Rahmen gedeutet, auch der Daily Express titelte auf der ersten Seite: „China Defies Europe“ oder „Great Massacre. 1,000 Europeans Slain“[8]. Die häufigen Verweise auf Europa und die Europäer lassen sich als Appell[9] an die Einigkeit Europas interpretieren, die durch die Rivalität der verbündeten Staaten bedroht schien. So etwa wenn die Morgenpost vom 19. Juni 1900 „die ‚europäische Allianz‘“ mit Anführungszeichen relativierte und diese der fehlenden Einigkeit über die Vorgehensweise des Militärs in China gegenübergestellt wurde. Am deutlichsten waren solche Appelle, wenn besonders dramatische Nachrichten über die Lage in Peking eintrafen: Als die Morgenpost am 17. Juli 1900 zum wiederholten Male den Tod aller Ausländer in Peking meldete, gab es für sie „keinen Zweifel mehr“ am „Massacre von Peking, bei dem Angehörige fast sämtlicher zivilisierter Völker […] ein grausames Ende fanden“. Resümierend äußerte sie die Hoffnung, dass das „Verlangen nach Revanche […] die Handlungen der Mächte vielleicht noch mehr beeinflussen [wird] als das Trachten nach Wahrung wirtschaftlicher Interessen, und sind diese ein Anreiz zu gegenseitigem Mißtrauen, so wird der Schlag ins Gesicht der ganzen europäischen Menschheit vielleicht die Solidarität der Klugheit durch die Solidarität der Empfindung stärken.“ Nun heiße es: „Oxident [sic] gegen Orient“.[10]

Zwei Tage später druckte die Morgenpost die Zeichnung „Wie Chinesen ihre europäischen Gefangenen transportieren“[11], die zweite Quelle zu diesem Essay. Das Bild stand in keinem konkreten Zusammenhang mit einer Nachricht aus China, sondern knüpfte an weitverbreitete Stereotype über grausame chinesische Straf- und Foltermethoden an.[12] Vermutlich wurde diese Zeichnung durch die Berichte über die in Peking gefangenen Europäer inspiriert. Eine bildliche Darstellung der Situation in Peking selbst wäre wohl unangemessen gewesen: Nach der Erfindung des autotypischen Drucks 1881/82 etablierte sich die Fotografie als eine – wenn auch aufwendige – bildliche Darstellungsform der Printmedien. In der Tagespresse war der Druck von Fotografien zwar noch die Ausnahme, aber bei Zeichnungen fand sich manchmal der Zusatz, dass sie nach Vorlage einer Fotografie oder von einem Augenzeugen angefertigt worden seien. Damit einher ging eine steigende Erwartung an die Authentizität von Bildern. Eine dokumentarisch anmutende Illustration über die Situation in Peking wäre wohl als Erfindung der heimischen Redaktion gedeutet worden.[13] So wurde in der erwähnten Zeichnung die Bedrohung Europas symbolisch auf den Punkt gebracht. Durch die mit diesem Bedrohungsszenario einhergehende Barbarisierung der Chinesen wurde das „Bedrohliche“ aber auch „zum Indikator von Rückständigkeit und damit Bezwingbarkeit“. Auf diese Weise mündete die Darstellung der Bedrohung in die zeittypische Vorstellung von der Überlegenheit Europas.[14] Im Einklang damit erinnert die Terminologie gerade in der kriegsunterstützenden Presse in vielfacher Hinsicht an die einer kolonialen Aufstandsbekämpfung. So ließ die in Deutschland verbreitete Überschrift ‚Die Wirren in China‘ die intervenierenden Staaten als Ordnungskräfte erscheinen. Die mediale Darstellung reflektierte damit gewissermaßen den offiziellen Rechtszustand, hatten die verbündeten Staaten China doch niemals den Krieg erklärt.[15] Dazu passt, dass die Morgenpost zunächst in den Boxern die gefährlichsten Gegner der alliierten Truppen sah. Wenn sie am 19. Juni die Ereignisse in China als „offene[n] Krieg von 360 Millionen Menschen“ deutete, so war es eben kein zwischenstaatlicher Krieg, sondern ein Aufstand der Massen, der ihre Aufmerksamkeit erregte. Vier Tage später eintreffende Nachrichten über die Beteiligung regulärer chinesischer Militärverbände wurden anfangs noch in einem ähnlichen Deutungsrahmen interpretiert, war es doch „deren numerische Stärke“, die „ins Gewicht fällt.“[16]

Zugleich wurde der Krieg gegen China auch als Staatenkrieg wahrgenommen.[17] Wohl als Reaktion auf die zähen Kämpfe um Tianjin und das Scheitern der ersten Rettungsexpedition unter Admiral Seymour beachtete die Morgenpost zunehmend die Bewaffnung der chinesischen Armee, die in den letzten Jahren verstärkt modernisiert worden war. So warnte Wilhelm II. in einer Rede an abreisende Soldaten (am 4. Juli 1900 in der Morgenpost abgedruckt), dass sie „einem Feinde gegenübertreten, der nicht minder todesmuthig ist wie Ihr. Von europäischen Offizieren ausgebildet, haben die Chinesen die europäischen Waffen brauchen gelernt.“[18] Mit zeitlicher Verzögerung veränderte sich auch die bildliche Darstellung des chinesischen Militärs: Wurden anfangs Zeichnungen chinesischer Soldaten mit Gewehren – einmal sogar ein chinesischer General mit Pfeil und Bogen – gedruckt, erweiterten später Artilleriezeichnungen das Spektrum der abgebildeten Motive. Allerdings zumeist erst, als sich das militärische Blatt schon zugunsten der intervenierenden Mächte gewendet hatte, so dass die Bilder weniger Respekt vor dem Gegner zeigten, sondern vielmehr die Leistungen der eigenen Truppen in umso hellerem Licht erscheinen ließen, wie es besonders die Zeichnung „Den Chinesen abgenommene Kruppsche Kanonen“ vom 15. November verdeutlicht.[19]

Kritik am Krieg und Appell an europäische Werte

Eine Ausnahme in der fast durchweg negativen Berichterstattung zu China war ein Artikel des Schriftstellers und Morgenpost-Autors Conrad Alberti aus Paris, in dem dieser die Frage stellte, „ob nicht von sämmtlichen europäischen Mächten ohne Unterschied bei der Behandlung der ostasiatischen Frage ernste Irrthümer begangen worden sind, die geeignet sind, ein solches Aufflammen der Volkswuth nicht berechtigt, aber natürlich erscheinen zu lassen.“[20] Insgesamt aber wurde nur selten und vorsichtig Kritik am Kriegseinsatz geäußert. Auch hier appellierte die Morgenpost, genauso wie bei der Unterstützung des Krieges, an Europa und europäische Werte: Als die Morgenpost am 28. Juli 1900 erstmals über die Rede Wilhelms II. berichtete, die als ‚Hunnenrede‘ in die Geschichte eingehen sollte, äußerte sie noch Zweifel daran, dass darin die Worte „Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht“ gefallen seien. Galt es doch „im Kampf gegen das Boxerthum unsere abendländische Eigenheit [zu] behaupten.“[21] Als sich später die Informationen über Plünderungen und Massaker der alliierten Truppen vermehrten, wurde eine entsprechende Nachricht in der Morgenpost vom 25. September als „beschämend für die Europäer und Christen“ kommentiert: Unter Bezug auf einen Artikel des „New-York Herald“ berichtete die Morgenpost über Massaker russischer Truppen, gegen die ein japanischer General protestiert habe. Auch die Brandlegung im Chinesenviertel und dessen Plünderung durch Europäer und Amerikaner weckten in der Morgenpost die Sorge, dass die Japaner „einen eigenartigen Begriff von europäischer Zivilisation erhalten haben mochten“[22].

Die in der Morgenpost verbreitete Scheu vor kritischer Berichterstattung zeigte sich besonders in ihrem Umgang mit den seit August eintreffenden Briefen einfacher deutscher Soldaten, die Massaker an wehrlosen Chinesen beschrieben. Die Morgenpost veröffentlichte diese Briefe zwar mit dem Hinweis auf deren Informationswert, auf eine Bewertung des Inhalts der Briefe verzichtete sie gleichwohl.[23] Und falls sie doch Kritik äußerte, dann nur am Vorgehen der Regierung, niemals an der Legitimität des Krieges selbst. Allerdings konnte die Leserschaft sich über die Argumente der Kriegsgegner und -kritiker informieren, da die Morgenpost andere öffentliche Akteure zu Wort kommen ließ: So in einem langen Interview mit der österreichischen Pazifistin und späteren Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner auf der ersten Seite der Ausgabe vom 30. September 1900. Darin stellte Suttner klar, dass sie diesen Krieg prinzipiell ablehne, sah an ihm aber auch eine positive Seite: „Er hat uns gelehrt, daß es mit der internationalen Anarchie nicht mehr lange so gehen kann.“ Deswegen forderte sie die „Festlegung von internationalen Regeln, die den Anfang einer europäischen Rechtsgemeinschaft bilden werden.“[24] Die schärfste Kritik findet sich in den Artikeln zu den im November 1900 stattfindenden Reichstagsdebatten: Die Argumente des sozialdemokratischen Kriegsgegners August Bebel und des linksliberalen Kriegskritikers Eugen Richter wurden adäquat wiedergegeben, ihre Reden positiv dargestellt. Wobei die Morgenpost die Debatte primär als Schauspiel inszenierte, die Erwiderung von Reichskanzler Bernhard von Bülow auf seine Kritiker lobte sie genauso wie die rhetorische Darbietung seiner Kontrahenten Bebel und Richter.[25]

Die Konstruktion eines kulturell überlegenen Europas in der Morgenpost

Wenn die Autoren der Morgenpost an ‚Europa‘ appellierten, an wen wendeten sie sich dann? Betrachtet man die Verwendung dieses Wortes in der Morgenpost, fällt zuerst auf, dass ‚Europa‘ neben Begriffen wie ‚Kulturmächte‘ oder Neuschöpfungen wie die „vereinigten Staaten der Welt gegen China“ (so am 21. Juni 1900) eine Bezeichnung für jenes Staatenkollektiv war, das in diesem Essay zumeist ‚verbündete Staaten‘ genannt wird. Dabei nutzte die Morgenpost ‚Europa‘ teils quasi-synonym für alle Staaten, teils stellte sie Japan und die Vereinigten Staaten explizit neben Europa. Gleiches gilt für den mit Europa eng verbundenen Begriff des ‚Abendlands‘, nur dass an dessen Seite – wenn überhaupt, dann ausschließlich – Japan Erwähnung fand. Niemals schrieb die Morgenpost vom ‚Abendland‘ und ‚Amerika‘; anders als Japan konnten die Vereinigten Staaten wohl problemlos als Teil des Abendlands mitgedacht werden. Wobei Japan zumindest einmal – im schon erwähnten Artikel von 17. Juli 1900 – ausdrücklich „vermöge seiner neuzeitlichen Kultur“ als Teil des „Oxident[s]“ und der „abendländischen Gesamtaktion“ betrachtet wurde. Wenn die Morgenpost ‚Europa‘ und ‚Abendland‘ häufig und in kurzer Folge hintereinander, quasi-synonym für die Chinagegner verwendete, zeigt dies, dass – anders als in der gegenwärtigen Denkfigur des ‚Westens‘ – Europa das klare Schwergewicht der vorgestellten abendländischen Gemeinschaft bildete.

Obgleich die Morgenpost häufig den christlich konnotierten Begriff des ‚Abendlandes‘ benutzte, lassen sich in ihr selten religiöse Interpretamente finden. Ebenso wenig war das Europabild der Morgenpost durch die Kategorie ‚Rasse‘ definiert, obwohl ein solches Selbstverständnis zum Ende des 19. Jahrhunderts zunahm. Die Morgenpost verwies zwar darauf, dass „man heute vielfach den Beginn eines west=östlichen Rassenkrieges erblickt“, kommentierte selbst aber nicht in diesem Sinne. Zweifellos konnten sich rassistisch eingestellte Leser durch die in der Morgenpost verbreiteten Chinastereotype bestätigt fühlen und besonders die häufige Verwendung des Adjektivs ‚gelb‘ für China ließ einen rassistischen Unterton anklingen. Aber wenn die Morgenpost die Rolle Japans reflektierte, wurde dessen Zugehörigkeit zur eigenen Seite immer bejaht. Aufschlussreich ist hier die Formulierung vom „Ring der ‚Weißen‘ gegen die ‚Gelben‘ – die Japaner zu den Kulturmächten gerechnet –“[26] aus der Morgenpost vom 15. September 1900. Wie die bisherigen Zitate schon andeuten, begründete die Morgenpost den Unterschied zwischen China und dessen Gegnern primär in den Kategorien ‚Kultur‘ und ‚Zivilisation‘. Die in diesem Zusammenhang immer wiederkehrende Europasemantik zeigt, wie sehr die Morgenpost Europa als Basis und Pionier der ‚zivilisierten Welt‘ ansah.

Selbstverständlich wurde der Boxerkrieg auch aus dem nationalen Blickwinkel betrachtet: Wenn die Morgenpost etwa über gefallene Soldaten berichtete, dann tat sie das mit nationalem Pathos.[27] Zudem implizierte die Kritik an der mangelnden Einigkeit der Chinagegner häufig Kritik an einzelnen Staaten. Dementsprechend war das Europa der Morgenpost zeittypisch vor allem ein Europa der Nationen, bzw. der Staaten, die in China imperialistisch aktiv waren. Zumeist schrieb sie auch nicht von ‚Europa’, sondern von den ‚Mächten’, womit die Ordnungsvorstellung des ‚Konzerts’, die seit 1814/15 die zwischenstaatliche europäische Politik bestimmte, auf die China-Politik der machtpolitisch relevanten Staaten übertragen wurde.[28]

Aber bei allen innereuropäischen Rivalitäten, die in der medialen Darstellung des Boxerkriegs unübersehbar sind, ist doch der Appell zur Zusammenarbeit bemerkenswert. Darin unterscheidet sich die Wahrnehmung des Boxerkriegs von der des Burenkriegs (1899-1902), der in dieser Zeit ebenso die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erregte: Während des Krieges in Südafrika sympathisierte die deutsche Presse großteils mit den Gegnern der britischen Imperialmacht, den Buren, und die mediale Wahrnehmung in Großbritannien und Deutschland war auf beiden Seiten – bei zeitweiser britischer Sympathie für Wilhelm II. und die offizielle deutsche Neutralitätspolitik – von Misstrauen und Vorwürfen geprägt.[29] Zudem stand der Ruf nach Kooperation im Kontext des Boxerkriegs im Kontrast zu den Konflikten der Alliierten vor Ort in China: Erst als die Bedrohung durch die Boxer im Dezember 1899 nach der Ermordung eines anglikanischen Missionars an neuer Schärfe gewonnen hatte, fanden sich die Diplomaten in Peking überhaupt zu einer ersten gemeinsamen Aktion bereit, aber selbst danach war die Zusammenarbeit der imperialistischen Staaten nicht reibungsfrei.[30] Allerdings gab es in der kolonialen Praxis durchaus Fälle von Kooperation: Besonders in der Dekade vor 1914 studierten deutsche Kolonialpolitiker aufmerksam die britische Verwaltung in Afrika und orientierten sich teilweise an der dortigen Gesetzgebung, Kolonialvereine tauschten sich aus und Expertengruppen besuchten die Kolonien der jeweils anderen Kolonialmacht.[31]

Während des Boxerkriegs begründete die Morgenpost die Aufforderung zur Zusammenarbeit mit dem Verweis auf die Bedrohung durch einen gemeinsamen Gegner, der als grausam und kulturell unterlegen beschrieben wurde. Das damit einhergehende Europabild konkurrierte mit anderen Vorstellungen: Für den sozialdemokratischen Berliner Vorwärts war China „Ausbeutungsobjekt des gierigen europäischen Kapitalismus“[32]. Zudem sagt die Analyse der anonym verfassten redaktionellen Artikel der Morgenpost wenig über die Aufnahme der untersuchten Bilder durch Leserinnen und Leser aus. Denn die Macher der Morgenpost waren offensichtlich bemüht, eine Zeitung auf den Markt zu bringen, die für eine breite Zielgruppe attraktiv war. Außerhalb der redaktionellen Artikel fanden auch andere Meinungen und Argumente Platz, Vertreter der unterschiedlichsten Positionen wurden positiv dargestellt. Wer mit den Argumenten der Kriegskritiker vertraut war und ihnen zustimmte, mag beim Anblick der Kruppschen Kanonen zuerst an die Waffenindustrie gedacht haben, die im Vorfeld der Ereignisse von Verkäufen an beide Seiten profitiert hatte. Aber bei aller Vielfalt der Europabilder und kritischen Gegenstimmen war der Glaube an die eigene Überlegenheit gegenüber China – sowie Asien allgemein und Afrika – in Europa weit verbreitet, und die damit verbundenen Deutungsmuster und Stereotype waren fester Bestandteil der Legitimierung kolonialer Herrschaft und imperialistischer Interventionen. Im Falle des Boxerkriegs mag die Lektüre der Morgenpost dazu beigetragen haben, dass Teilen der Leserschaft, die der deutschen Kolonialpolitik sonst skeptisch gegenüberstanden, die Militäraktion zumindest in den ersten Monaten erforderlich oder akzeptabel erschien.


[1] Essay zur Quelle: „Ereignisse von schrecklichster Sensation“. Die Berliner Morgenpost zum Boxerkrieg (19. Juni und 19. Juli 1900).

[2] Die Ereignisse in China. Der Gesandtenmord in Peking. – Bombardement und Einnahme der Forts von Taku, in: Berliner Morgenpost (= Mopo), 19.06.1900 (= Quelle 1).

[3] Die Begriff ‚Boxer‘ geht auf die Selbstbezeichnung der chinesischen Aufständigen zurück: „Yihequan“, auf Deutsch: „In Rechtschaffenheit vereinigte Faustkämpfer“, später „Yihetuan“, „In Rechtschaffenheit vereinigte Milizen“, vgl. Klein, Thoralf, Straffeldzug im Namen der Zivilisation: Der „Boxerkrieg“ in China (1900-1901), in: Ders.; Schumacher, Frank (Hgg.), Kolonialkriege. Militärische Gewalt im Zeichen des Imperialismus, Hamburg 2006, S. 145-181, hier S. 148.

[4] Vgl. Esherick, Joseph W., The Origins of the Boxer Uprising, Berkeley 1987; Cohen, Paul A., History in Three Keys: The Boxers as Event, Experience, and Myth, New York 1997; Xiang, Lanxin, The Origins of the Boxer War: A Multinational Study, London 2003, bes. S. VII, Klein, Straffeldzug, bes. S. 146, 169.

[5] Vgl. Der Aufruhr in China. Ermordung des deutschen Gesandten in Peking?, in: Mopo, 17.06.1900; Die Ereignisse in China. Neue Schreckensnachrichten aus Peking. – Kriegsrüstungen, in: ebd., 21.06.1900.

[6] Vgl. zur Kolonialkritik: Schwarz, Maria-Theresia, „Je weniger Afrika, desto besser“. Die deutsche Kolonialkritik am Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Untersuchung zur kolonialen Haltung von Linksliberalismus und Sozialdemokratie (Europäische Hochschulschriften: Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften; 850), Frankfurt am Main 1999; zur Morgenpost: Fritzsche, Peter, Reading Berlin 1900, Cambridge, Mass., 1996, S. 74-79; im Januar 1900 hatte die Morgenpost nach eigenen Angaben 200.000 Abonnenten, vgl. An unsere Leser!, in: Mopo, 27.01.1900.

[7] Vgl. auch Pesek, Michael, Die Auferstehung des Kriegshelden aus dem Bett des Offiziers. Die Konstruktion kolonialer Maskulinität im Ersten Weltkrieg. Beitrag zum Themenschwerpunkt „Europäische Geschichte – Geschlechtergeschichte“. In: Themenportal Europäische Geschichte (2009), .

[8] China Defies Europe. Tientsin Position Hopeless – Foreign Concessions Blown to Pieces. Bad News From Peking. Six Legations Destroyed – All Hope Abandoned. Shanghai in Peril. Forty Missionaries Murdered – 300,000 Chinese in the Field, in: Daily Express, 25.06.1900; Great Massacre. 1,000 Europeans Slain. – Last Shots Kept for the Women and Children. Terrible Scenes of Carnage. Tuan Compels the Emperor’s Suicide. List of British Victims. 60,000 Troops to Go – But too late. Anarchy Reigns Everywhere, in: ebd., 06.07.1900.

[9] Vgl. Blum, Paul Richard, Europa – ein Appellbegriff, in: Archiv für Begriffsgeschichte 43 (2001), S. 149-171.

[10] Der Massenmord in Peking, in: Mopo, 17.07.1900

[11] Wie Chinesen ihre europäischen Gefangenen transportieren, in: Mopo, 19.07.1900 (= Quelle 2).

[12] Vgl. allgemein: Stoyke, Michael, Suche nach einem Europa en miniature: Chinas Städte in den Augen deutscher Reisender um 1900, in: Schröder, Iris; Höhler, Sabine (Hgg.), Welt-Räume. Geschichte, Geographie und Globalisierung seit 1900, Frankfurt am Main 2004, S. 147-174, hier S. 160-162.

[13] Das britische Penny Illustrated Paper hatte deswegen weniger Skrupel, vgl. Suspense at Peking: At the British Legation – Prepared for the Worst, in: The Penny Illustrated Paper, 28.07.1900. Zu den gestiegenen Authentizitätserwartungen um 1900 vgl. Steinsieck, Andreas, Ein imperialistischer Medienkrieg. Kriegsberichterstatter im Südafrikanischen Krieg (1899-1902), in: Daniel, Ute (Hg.) Augenzeugen. Kriegsberichterstattung vom 18. zum 21. Jahrhundert, Göttingen 2006, S. 87-112, hier S. 103-105.

[14] Münkler, Herfried, Barbaren und Dämonen: Die Konstruktion des Fremden in Imperialen Ordnungen, in: Baberowski, Jörg; Kaelble, Hartmut; Schriewer, Jürgen (Hgg.), Selbstbilder und Fremdbilder. Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel (Eigene und fremde Welten; 1), Frankfurt am Main 2008, S. 153-189, Zitat S. 179. Das europäische Überlegenheitsbewusstsein zeigte sich vor allem in der Gegenüberstellung Europas mit Asien und Afrika, wurde Europa mit den Vereinigten Staaten verglichen, gab es schon um 1900 Anzeichen einer Verunsicherung des europäischen Selbstverständnisses, vgl. Kaelble, Hartmut, Europäer über Europa. Die Entstehung des europäischen Selbstverständnisses im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2001, S. 27-31, 52-127.

[15] Vgl. Klein, Straffeldzug, S. 169.

[16] Die Ereignisse in China, in: Mopo, 23.06.1900.

[17] Vgl. auch Elliott, Jane E., Some did it for Civilisation; Some did it for their Country: A Revised View of the Boxer War, Hong Kong 2002; Weiß, Andreas, Nationale Identität und Kolonien in Deutschland an Hand von ausgewählten Schulbüchern, 1871-1914, Magisterarbeit, Humboldt-Universität zu Berlin 2007, (22.12.2009)., S. 66f., FN 309, 71, 92.

[18] Die Ereignisse in China, in: Mopo, 04.07.1900.

[19] Vgl. die Bilder in der Morgenpost vom 26.06.1900; 01.07.1900; 04.07.1900; 19.07.1900; 27.09.1900; 29.09.1900; 30.09.1900; 15.11.1900; 25.11.1900.

[20] Alberti, Conrad [= Sittenfeld, Konrad], Frankreich und die chinesische Frage, in: Mopo, 06.07.1900; derselbe Autor schrieb später wohlwollend über französische Zustimmung zur ‚Hunnenrede‘, vgl. C. A. [= Ders.], Franzosen über den Kaiser, in: ebd., 12.08.1900

[21] Die Ereignisse in China, in: Mopo, 28.07.1900.

[22] Die Brandschatzung von Tien-Tsin, in: Mopo, 25.09.1900.

[23] Vgl. etwa: Der Krieg in China, in: Mopo, 25.08.1900.

[24] Ein Interview mit Frau von Suttner, in: Mopo, 30.09.1900.

[25] Die China-Session. Die Erklärungen des Reichskanzlers und die Debatte im Reichstage, in: Mopo, 20.11.1900; Eugen Richter und Graf Bülow. Der China-Debatte zweiter Tag, in: ebd., 21.11.1900; Der Schluss der China-Debatte. Ein Rededuell Bebel–Bülow, in: ebd., 24.11.1900. Zu den Debatten vgl. auch Wieland, Ute; Kaschner, Michael, Die Reichstagsdebatten über den deutschen Kriegseinsatz in China: August Bebel und die „Hunnenbriefe“, in: Kuß, Susanne; Martin, Bernd (Hgg.), Das Deutsche Reich und der Boxeraufstand (Erfurter Reihe zur Geschichte Asiens; 2), München 2002, S. 183-201.

[26] Der Krieg in China. Die Veruneinigten Staaten, in: Mopo, 15.09.1900.

[27] Vgl. etwa: Die Ereignisse in China, in: Mopo, 01.07.1900.

[28] Vgl. allgemein Kießling, Friedrich, Der Briand-Plan von 1929/30. Europa als Ordnungsvorstellung in den internationalen Beziehungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert. In: Themenportal Europäische Geschichte (2008), ; Kronenbitter, Günther, Friedenserklärung. Gleichgewicht und Konsens in den internationalen Beziehungen in Europa um 1815. In: ebd. (2009), ; zum ostasiatischen Kontext: Otte, T. G., The Boxer Uprising and British Foreign Policy: The End of Isolation, in: Bickers, Robert; Tiedemann, R. G. (Hgg.), The Boxers, China, and the World, Lanham 2007, S. 157-177, hier S. 158.

[29] Vgl. Geppert, Dominik, Pressekriege. Öffentlichkeit und Diplomatie in den deutsch-britischen Beziehungen (1896-1912) (Veröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts London; 64), München 2007, S. 125-177.

[30] Vgl. Xiang, Origins, S. 126f.

[31] Vgl. Lindner, Ulrike, Colonialism as a Europen Project in Africa before 1914? British and German Concepts of Colonial Rule in Sub-Saharan Africa, in: Comparativ 19 (2009), S. 88-106, bes. S. 103-105.

[32] Der Fremdenkrieg, in: Vorwärts, 17.06.1900.



Literaturhinweise:

  • Frevert, Ute, Eurovisionen. Ansichten guter Europäer im 19. und 20. Jahrhundert (Europäische Geschichte), Frankfurt am Main 2003.
  • Kaelble, Hartmut, Eine europäische Geschichte der Repräsentationen des Eigenen und des Anderen, in: Baberowski, Jörg; Kaelble, Hartmut; Schriewer, Jürgen (Hgg.), Selbstbilder und Fremdbilder. Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel (Eigene und fremde Welten; 1), Frankfurt am Main 2008, S. 67-81.
  • Klein, Thoralf, Propaganda und Kritik. Die Rolle der Medien, in: Leutner, Mechthild; Mühlhahn, Klaus (Hgg.), Kolonialkrieg in China. Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900-1901 (Schlaglichter der Kolonialgeschichte; 6), Berlin 2007, S. 173-180.
  • Lu Yixu, Germany’s War in China: Media Coverage and Political Myth, in: German Life and Letters 61 (2008), S. 202-214.
  • Trampedach, Tim, „Yellow Peril“? German Public Opinion and the Chinese Boxer Movement, in: Berliner China Hefte 23 (2002), S. 71-81.

„Ereignisse von schrecklichster Sensation“. Die Berliner Morgenpost zum Boxerkrieg (19. Juni und 19. Juli 1900)

Quelle 1[1]:

Die Ereignisse in China. Der Gesandtenmord in Peking. – Bombardement und Einnahme der Forts von Taku

Die Nachricht von der Ermordung des deutschen Gesandten in Peking hat allenthalben die tiefgehendste Erregung hervorgerufen. In nervöser Erwartung und mit nur leisen Optimismus harrt man der Meldungen vom ostasiatischen Kriegsschauplatze; das Interesse an der „gelben“ Revolution, die möglicherweise ein zukünftiges Verhängnis von furchtbarster Tragweite in sich schließt und vielleicht schon Ereignisse von schrecklichster Sensation gezeitigt hat, stellt selbst die seinerzeitige Theilnahme an den südafrikanischen Vorgängen weitaus in den Schatten. Man ist sich eben bewußt, daß aus dem Aufstande der Boxer allem Anscheine nach eine Gesamterhebung des chinesischen Volkes, aus der Revolte einer geheimen Sekte der offene Krieg von 360 Millionen Menschen geworden ist. Mit elementarer Gewalt hat sich die Bewegung des Fremdenhasses durch alle Theile des himmlischen Reiches ausgebreitet, genährt durch das Protektorat der chinesischen Regierung, die den vielleicht allzu schüchternen Versuchen der Mächte, ihren Angehörigen hinreichenden Schutz zu bringen, einen anfangs verschleierten, aber nachhaltigen Widerstand entgegensetzte. Die Uneinigkeit der fremden Mächte, deren gegenseitige Eifersucht selbst in diesen Zeiten höchster Gefahr zu Tage trat, bestärkte die den konservativen Traditionen der Mandschu=Dynastie allzeit getreue Kaiserin=Witwe in dem Bestreben, durch Begünstigung des Boxeraufstandes „China den Chinesen“ zurückzugewinnen. Zögerte doch sogar eine oder die andere der ausländischen Regierungen mit der Landung von Schutztruppen und lieferte so den Beweis, daß die mit Feuer und Schwert wirkende Erhebung der Boxer, in der man heute vielfach den Beginn eines west=östlichen Rassenkrieges erblickt, in ihrer Bedeutung für die abendländischen Interessen scheinbar verkannt wurde.

Vor Taku versammelte sich zwar allmählich eine sehr respektable Flotte, aber die gegen Peking entsandten Mannschaften konnten in ihrer geringen Stärke von vornherein wenig Eindruck auf die zahllose Masse des fanatischen Gegners machen. Der Vormarsch der Schutztruppen wurde von den chinesischen Irregulären in empfindlichster Weise gehemmt, und vor Peking stand wie eine Riesenmauer die nach Zehntausenden zählende Armee. Während es vor der chinesischen Hauptstadt zu einem Kampfe zwischen den internationalen Truppenkontingenten und den Chinesen kam, spielten sich in Peking selbst jene Ereignisse ab, als deren gräßliches Ende die Niederbrennung der Gesandtschaftsgebäude und die Ermordung des deutschen Gesandten, Freiherrn v. Ketteler, am Sonnabend gemeldet wurde. Der Umstand, daß die telegraphische Verbindung Pekings mit der Küste unterbrochen ist, berechtigte zu Zweifeln an der vollen Wahrheit der Nachricht, und die amtlichen Erkundigungen, die von Berlin aus eingezogen wurden, schienen anfangs kein ungünstiges Ergebnis zu haben. […] Aber bereits gestern früh wurde man aus der schon etwas beruhigten Ungewißheit zu neuer Besorgnis aufgeschreckt, denn der „Times“ war eine Meldung aus Peking vom 14. d. Mts. zugegangen, welche besagte, in der Nacht vorher sei es in Peking zu ernsten fremdenfeindlichen Unruhen gekommen. Einige der schönsten Gebäude im östlichen Theile der Stadt seien niedergebrannt und Hunderte von chinesischen Christen, die bei Ausländern bedienstet sind, ermordet worden. Alle Ausländer seien unter dem Schutz der fremden Wachmannschaften zusammengebracht worden. Noch beunruhigender war aber der Eindruck einer offiziösen Mittheilung, die um die Mittagsstunde verlautbart wurden. Das Wolffsche Telegraphen=Bureau veröffentlichte nämlich folgendes Bulletin:

Von dem Kaiserlichen Konsul im Tschifu ist heute Morgen acht Uhr das nachstehende Telegramm eingegangen: „Japanisches Torpedoboot meldet, Gesandtschaften in Peking genommen.“[2] […]

Es wäre müßig, darüber zu rechten, ob diese Vorgänge ein Fiasko aller Kolonialpolitik bedeuten oder im Gegentheile die Nothwendigkeit einer ungeheuren Kraftanstrengung aller europäischen Nationen darthun: Heute sind in erster Linie nicht die weit zurückliegenden Ursachen, sondern die unmittelbaren und unabsehbaren Folgen dieser Ereignisse ins Auge zu fassen. Ein Krieg zwischen Deutschland, Russland, England, Frankreich, Amerika und Japan einerseits und China andererseits ist die eine Möglichkeit, die trotz ihrer Ungeheuerlichkeit heute in den Bereich der Wahrscheinlichkeit gerückt ist […]. Das „Wolffsche Telegraphenbureau“ gibt nämlich unter dem gestrigen Datum bekannt:

Von dem kaiserlichen Konsul in Tschifu ist heute Mittag das nachstehende Telegramm eingegangen: Heute Nacht brachte ein japanisches Torpedoboot aus Taku folgende Nachrichten: Chinesen legten im Takufluss Torpedos und zogen Truppen von Chanhaikwan zusammen. Die auf dem russischen Admiralschiff versammelten fremden Befehlshaber richteten an die Kommandanten der Takuforts ein Ultimatum, ihre Truppen bis 2 Uhr Nachmittags des 17. Juni zurückzuziehen, worauf die Forts am 17. um 1 Uhr Nachts Feuer eröffneten, das von den deutschen, russischen, englischen, französischen, japanischen Schiffen erwidert wurde und sieben Stunden dauerte. […]

Jedenfalls hat sich dadurch die Lage in eminenter Weise zugespitzt, und es ist nur zu hoffen, daß die ausländischen Kommandanten das Menschenmögliche thun, um vor allem das Leben der bedrohten Europäer zu retten. Der Schutz der Interessen der einzelnen Mächte tritt dieser drängenden Aufgabe gegenüber in den Hintergrund, einer Aufgabe, die am Sonntag die Mächte zu gemeinsamen Kampfe engagirt hat und sie hoffentlich auch weiterhin einig finden wird. Die weiteren Aussichten der von den Kriegsschiffen begonnenen Aktion von hier aus zu beurtheilen, ist kaum möglich. Fest steht nur, daß wenigstens in den letzten Tagen die Mächte sich einer Verstärkung der Streitkräfte in intensiver Weise angelegen sein ließen. In erster Reihe kommt hier natürlich Japan in Betracht, dem vermöge seiner Flotte wie seiner Landmacht eine hervorragende Rolle bei den kommenden Ereignissen zufallen dürfte. Bereits am Sonntag war das „Reutersche Bureau“ zu der Mittheilung ermächtigt worden, daß Japan im Begriff sei, 1000 Mann Truppen nach Taku zu senden, und dass es in vollem Einvernehmen mit den europäischen Mächten vorgehe […].

Die Stellung Österreich=Ungarns beleuchtete gestern der ungarische Ministerpräsident in einer Rede, die auch interessante Angaben über die „europäische Allianz“ enthielt. Ein verbindliches Uebereinkommen zwischen den Mächten bezüglich des Verhältnisses der Streitkräfte existiere nicht, das gemeinsame Ziel der Mächte bestehe darin, daß jeder seine Flagge und seine Unterthanen beschütze. Ueber dieses Ziel hinaus würde keine Macht gehen, in diesem Punkte seien alle Mächte einig. […]

Quelle 2[3]:

Die Veröffentlichung dieser Abbildung erfolgt mit Unterstützung und freundlicher Genehmigung der Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz . © 2009 Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, URL: http://staatsbibliothek-berlin.de/.


[1] Die Ereignisse in China. Der Gesandtenmord in Peking. – Bombardement und Einnahme der Forts von Taku, in: Berliner Morgenpost, 19.06.1900.

[2] Alle Hervorhebungen im Original.

[3] Wie Chinesen ihre europäischen Gefangenen transportieren, in: Berliner Morgenpost, 19.07.1900. Staatsbibliothek zu Berlin / Zeitungsabteilung Westhafenspeicher.


Für das Themenportal verfasst von

Christian Methfessel

( 2009 )
Zitation
Christian Methfessel, „Oxident gegen Orient“ Europabilder in der Berliner Morgenpost während des Boxerkriegs, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2009, <www.europa.clio-online.de/essay/id/fdae-1513>.
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