Einleitung. Europäische Geschlechtergeschichten

Der Band „Europäische Geschlechtergeschichten“ arbeitet mit gender als Analysekategorie, um europäische Geschichte und Geschichtsschreibung (kritisch) zu befragen. Er konzentriert sich dabei auf die Geschichte der europäischen Neuzeit mit einem besonderen Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert. Anhand der vier Themenfelder „Feminismus“, „Frauenarbeit“, „Männlichkeiten“ sowie „Körper und Sexualitäten“ sollen zum einen zentrale theoretische und methodische Weichenstellungen der Frauen- und Geschlechtergeschichte nachvollzogen und zum anderen die große Bandbreite an Themen und Perspektiven verdeutlicht werden, welche die Geschlechtergeschichte bietet. Ein besonderer Fokus der Beiträge liegt auf der quellenkritischen Analyse des Untersuchungsmaterials, dessen Spektrum von der „Erklärung der Rechte der Frau“ von Olympe de Gouge aus dem Jahre 1791 bis zum Rap-Song „Ahmet Gündüz“ von Fresh Familee aus dem Jahre 1990/91 reicht.[...]

Einleitung. Europäische Geschlechtergeschichten[1]

Von Maria Bühner und Maren Möhring

Der Band „Europäische Geschlechtergeschichten“ arbeitet mit gender als Analysekategorie, um europäische Geschichte und Geschichtsschreibung (kritisch) zu befragen. Er konzentriert sich dabei auf die Geschichte der europäischen Neuzeit mit einem besonderen Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert. Anhand der vier Themenfelder „Feminismus“, „Frauenarbeit“, „Männlichkeiten“ sowie „Körper und Sexualitäten“ sollen zum einen zentrale theoretische und methodische Weichenstellungen der Frauen- und Geschlechtergeschichte nachvollzogen und zum anderen die große Bandbreite an Themen und Perspektiven verdeutlicht werden, welche die Geschlechtergeschichte bietet. Ein besonderer Fokus der Beiträge liegt auf der quellenkritischen Analyse des Untersuchungsmaterials, dessen Spektrum von der „Erklärung der Rechte der Frau“ von Olympe de Gouge aus dem Jahre 1791 bis zum Rap-Song „Ahmet Gündüz“ von Fresh Familee aus dem Jahre 1990/91 reicht.

Die Autor_innen[2] des Bandes haben unterschiedliche Analyseperspektiven gewählt: In einigen Beiträgen werden Frauen als Akteurinnen sichtbar und ihre Lebenssituation und Handlungen stark gemacht, in anderen werden Geschlecht, Sexualität und Körper dekonstruiert und/oder in Bezug gesetzt zu anderen Kategorien wie race und dis/ability. In manchen Beiträgen geschieht beides gleichzeitig. Dieser Band versteht sich damit auch als ein Plädoyer für Methoden- und Perspektivenvielfalt, um die Entwicklung der europäischen Geschlechterordnung(en) der Neuzeit in ihrer Mannigfaltigkeit und auch Widersprüchlichkeit zu beleuchten. Der Titel „Europäische Geschlechtergeschichten“ verweist mithin auf die Spannung zwischen europäischen Gemeinsamkeiten bei den Geschlechterarrangements einerseits und den oft gravierenden lokalen, nationalen und regionalen Differenzen innerhalb Europas andererseits. Mit Karin Hausen plädieren wir für eine produktive „Nicht-Einheit von Geschichte“[3] und damit für den Plural: europäische Geschlechtergeschichten.

Nach einem Überblick über die Entstehung und die methodisch-theoretischen Entwicklungen auf dem Gebiet der Frauen- und Geschlechtergeschichte stellt diese Einleitung zentrale Aspekte europäischer Geschlechterordnungen der Neuzeit und die konstitutive Funktion heraus, die Geschlecht und Sexualität für eine Geschichte der europäischen Moderne zukommt. Im Anschluss werden Struktur und Inhalte des Bandes erläutert und die einzelnen Beiträge knapp zusammengefasst, bevor Hinweise zu dem bearbeiteten Quellenmaterial und einigen für die Frauen- und Geschlechtergeschichte hilfreichen Archiven die Einführung abschließen.

Von der Frauen- zur Geschlechtergeschichte?

„Er reckte sich. Er erhob sich. Er stand vor uns in völliger Nacktheit. Und indessen die Trompeten ihr ‚Wahrheit! Wahrheit! Wahrheit!‛ schmettern, bleibt uns keine andere Wahl, als zu bekennen, daß er – ein Weib war. […] Orlando betrachtete sich von Kopf bis Fuß in einem hohen Spiegel, ohne sich irgendwie erstaunt oder bestürzt zu zeigen, und begab sich dann vermutlich ins Bad.“[4]

Virginia Woolfs großer Roman Orlando umspannt lustvoll eine Biografie des_der Adligen Orlando von über vier Jahrhunderten, in welcher der Übergang vom männlichem zum weiblichem Geschlecht eine Transformation neben anderen darstellt. Der Roman, insbesondere seine Hauptfigur, war inspiriert von Woolfs Geliebter Vita Sackville-West und ist so auch ein seltenes historisches Zeugnis lesbischen Begehrens.[5] Der Wechsel vom vermeintlich einen zum vermeintlich anderen Geschlecht geschah in der europäischen Geschichte der Neuzeit selten mit so viel Leichtigkeit wie in diesen wenigen Zeilen. Die Zweigeschlechtlichkeit wurde stattdessen mit Hilfe von Wissenschaft und Medizin als natürlich und nicht hinterfragbar zementiert, Lust und Begehren wurden von den sogenannten Perversionen befreit und die heterosexuelle Ehe wurde zur zentralen Institution für die Organisation von sozialen Beziehungen, Sexualität, Geschlecht und Arbeit.

Eben jene Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, hat die Geschlechtergeschichte zu ihrem Ziel erklärt. Diese begreift die Kategorie Geschlecht als notwendig für die historische Gesellschaftsanalyse und macht sich zur Aufgabe, Geschlecht und Geschlechterverhältnisse gleichermaßen zu historisieren.[6] Ihre Wurzeln liegen in der Frauengeschichte, die sich seit den 1960er- und 1970er-Jahren zunächst in den USA und wenig später auch in Europa im Kontext der zweiten Welle der Frauenbewegung, gesellschaftlicher Umbrüche und der Öffnung der Universitäten entwickelte.[7] In den 1980er-Jahren setzte in der Bundesrepublik eine erste Phase der Institutionalisierung der Frauengeschichte ein.[8] Eigene Strukturen wie der Arbeitskreis Historische Frauenforschung (1990) und Fachorgane wie L’Homme Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft (1990) wurden geschaffen.[9] Während sich die Frauen- und spätere Geschlechtergeschichte in den USA bereits früh fest etablieren und institutionalisieren konnte, hat sie in der europäischen Geschichtswissenschaft eine weniger prominente Position inne und viele Forscher_innen auf diesem Gebiet arbeiten in prekären Verhältnissen.[10] Zudem sind deutliche Unterschiede innerhalb Europas festzustellen: In den osteuropäischen Ländern konnten sich Frauen- und Geschlechtergeschichte (wie insgesamt die Gender Studies) als unabhängige Forschungsrichtungen erst nach 1989 etablieren und sind dort noch immer eher randständig.[11]

Auch in Westeuropa musste die Frauen- und Geschlechtergeschichte gegen zahlreiche Widerstände und Vorurteile ankämpfen – und ist dazu derzeit wieder gezwungen, stehen doch auch feministische Wissenschaften und Gender Studies im Fokus des rechten Backlashs.[12] Den frauenbewegten Forscherinnen der 1970er- und 1980er-Jahre wurde vorgeworfen, sie könnten keine „objektive“ Geschichte schreiben und Quellen für eine solche Geschichte seien nicht vorhanden.[13] Solche Vorwürfe standen in einem wissenschafts- und (damit) machtpolitischen Zusammenhang. So schreibt Karin Hausen im Rückblick, dass es bei den damaligen Reaktionen „zunächst weniger um die fachspezifischen Inhalte als um die Verteidigung disziplinärer und akademischer Hoheiten und Konventionen ging.“[14] Neben der notwendigen und überfälligen Reflexion auf die Situiertheit von Forschung haben die Ergebnisse aus mittlerweile fünf Jahrzehnten Frauen- und Geschlechtergeschichte[15] die skeptischen Einwürfe entkräftet. Neue Quellenbestände wurden erschlossen, aber es konnte auch gezeigt werden, dass und wie sich bereits aufgearbeitetes Quellenmaterial neu lesen lässt. Das kritische Potential der Frauengeschichte bestand nicht zuletzt darin, gängige Dichotomien und Hierarchien in Frage zu stellen, wie Gisela Bock 1991 resümierte. So wurde die Natur/Kultur-Dichotomie, die geschlechtlich kodiert war (und ist), aufgebrochen, indem auch die Vorstellungen von Natur und Natürlichkeit als soziale und kulturelle Produkte ihrer Zeit sichtbar gemacht wurden. Im Zuge dessen wurden auch die vermeintlich natürlichen Eigenschaften von Mann und Frau und die (bürgerliche) Zuordnung von Frauen und Männern zur privaten respektive öffentlichen Sphäre hinterfragt.[16]

Mit der Problematisierung der Trennung von Öffentlichem und Privatem, von Natur und Kultur ging auch die Infragestellung des geschichtswissenschaftlichen Theorie- und Begriffsapparates und herkömmlicher Periodisierungen einher.[17] Ihrem Anspruch nach wollte die Frauengeschichte gängige Annahmen der so genannten allgemeinen Geschichte von Grund auf revidieren. Die Dekonstruktion und Umformulierung herkömmlicher Konzeptualisierungen von Geschichte und gängiger Narrative konnte jedoch nur partiell umgesetzt werden; teilweise entwickelte sich die Frauengeschichte zu einem thematisch begrenzten und oft deskriptiven Teilgebiet der Geschichte, ohne deren Basisannahmen zu hinterfragen.[18]

Einen neuerlichen kritischen Impuls erhielt die Frauengeschichte durch das Konzept gender, welches zuerst 1976 von Natalie Zemon Davis in die Debatte eingeführt wurde.[19] Breit rezipiert wurde es im Anschluss an Joan W. Scotts 1986 veröffentlichten Aufsatz „Gender: A Useful Category of Historical Analysis“, der zu einem Gründungsdokument der Geschlechtergeschichte wurde. Beeinflusst von poststrukturalistischen Theorien schlug Scott vor, gender als Kategorie zur Analyse von Herrschafts- und Machtbeziehungen, besonders mit Blick auf Geschlechterverhältnisse, zu nutzen.[20] Mit dieser Hinwendung zu Geschlecht als Strukturkategorie, durch die nicht mehr allein Frauen, sondern Geschlechterbeziehungen als zentrale Organisationsform von Gesellschaften in den Blick kamen, transformierte sich die Frauengeschichte nach und nach in Richtung Geschlechtergeschichte. Dieser Wandel zeigte sich auch auf der institutionellen Ebene. So änderte der Arbeitskreis Historische Frauenforschung 1998 seinen Namen in Historische Frauen- und Geschlechterforschung, und 1999 entstand AIM Gender, ein Arbeitskreis für interdisziplinäre Männer- und Geschlechterforschung.

Gender ist in Scotts Sinne eine analytische Kategorie, mit der sich nach der Produktion, Zirkulation und dem Wandel der Bedeutungen sexuierter[21] Körper fragen lässt.[22] Einen von der Geschlechter- und anderen sozialen Ordnungen losgelösten, gleichsam neutralen Zugang zu einer vor-diskursiven Materialität (des Körpers) gibt es nicht. Diese Einsicht hat besonders deutlich Judith Butler in den frühen 1990er-Jahren formuliert.[23] Ihre Überlegungen wurden zu einem wichtigen Bezugspunkt der Queer Studies, die sich in den 1990er-Jahren etablierten und sich die Denaturalisierung des gesamten sex-gender-Systems, also der zweigeschlechtlichen und heterosexuellen Geschlechterordnung, auf die Fahnen schrieben und Körperlichkeit und Sexualität auch jenseits binärer Geschlechtermodelle und heterosexueller Szenarien in den Blick nahmen.[24] Mit ihrer grundlegenden Kritik an einer – alle gesellschaftlichen Bereiche prägenden – Heteronormativität machten sie die enge Verknüpfung von Geschlechterordnung und Sexualität greifbar.[25] Heteronormativität nach Butler meint die erzwungene Kohärenz von sex (dem körperlichen Geschlecht), gender (der Geschlechtsidentität) und Sexualität bzw. Begehren, die auch in der feministischen Forschung oft unhinterfragt vorausgesetzt und nicht als exkludierende Matrix sichtbar gemacht worden ist.[26]

Butlers Thesen zur performativen Herstellung von Geschlecht und zur Materialisierung von Körpern waren gerade im deutschsprachigen Raum sehr umstritten. Unter der performativen Herstellung von Geschlecht versteht Butler die Wiederholung und Sedimentierung geschlechterdifferenter Körpernormen, mithin eine Verstofflichung „mit der Zeit“.[27] Mit diesem Fokus auf Materialisierungsprozesse begegnete Butler in Körper von Gewicht dem Vorwurf, den Körper als reinen Diskurseffekt zu verstehen und seine Materialität außer Acht zu lassen. Eine solche Kritik an Butlers dekonstruktivistischem Ansatz übte etwa Barbara Duden, die ihr eine „Entkörperlichung“ (analog zu biotechnologischen Visualisierungen des Körpers) vorwarf, die den Leib und mit diesem letztlich auch die Frau als politisches Subjekt zum Verschwinden bringe.[28] 1987 hatte Duden mit ihrer historisch-somatologischen Studie über die Körpererfahrungen der Patientinnen eines Eisenacher Arztes um 1730 ein Grundlagenwerk der Körpergeschichte verfasst.[29] Im Zuge der Auseinandersetzung mit Butlers Thesen kam es zu theoretisch ergiebigen Debatten über das Verhältnis von Diskurs und Erfahrung, die zur Erkenntnis führten, dass Erfahrungen (auch die der eigenen Körperlichkeit) immer diskursiv gerahmt sind.[30] Die Frage nach der Relation von Diskurs und Materialität aber ist damit keineswegs beantwortet, wie die aktuellen Diskussionen um einen New Materialism zeigen.[31]

Gender jedenfalls erwies sich als ein integratives und einladendes Konzept, das auch Männlichkeiten und weitere Geschlechtsidentitäten einzubeziehen erlaubte. Zugleich aber läuft eine solchermaßen erweiterte Geschlechtergeschichte Gefahr, ihren feministischen Impetus zu verlieren.[32] Aus diesem Grund werden in jüngster Zeit eine Re-Politisierung von gender und eine Rückbindung der wissenschaftlichen Forschung an den feministischen Aktivismus eingefordert. Aktuell argumentieren einige Historikerinnen, statt die Entwicklung von der Frauen- zur Geschlechtergeschichte – wie es in Darstellungen zur Geschichte der Geschlechtergeschichte durchaus üblich ist – in Form eines Fortschrittsnarrativs hin zu einer progressiveren, da inklusiveren und weniger essentialistischen Form der Geschichtsschreibung zu präsentieren, für einen anderen Umgang mit der (eigenen) Geschichte. Céline Angehrn plädiert dafür, beide Perspektiven heuristisch als turns und somit als voneinander getrennte Perspektiven mit jeweils eigenem Potenzial zu begreifen. Sowohl bei der Frauen- als auch bei der Geschlechtergeschichte handele es sich um unerledigte und nicht abschließbare Projekte, da die jeweils aufgeworfenen Fragen und Problemstellungen weiterhin der Bearbeitung bedürften.[33] Dieser Feststellung ist sicherlich zuzustimmen. Das Anliegen der Frauengeschichte, Frauen als handelnde und kritische Akteurinnen sichtbar zu machen, regt nach wie vor interessante Forschungen an, die sich etwa mit spezifischen Erfahrungen von Frauen befassen. Die Wertschätzung dieser Perspektive birgt die Möglichkeit, Traditionen nicht abbrechen zu lassen und erarbeitetes Wissen nicht zu verlieren. Eine solche Position vermittelt zwischen zwei Polen: auf der einen Seite eine radikale Dekonstruktion von Geschlecht im Anschluss an den queer turn, auf der anderen Seite eine Fortschreibung der Kategorie „Frau“. Damit stellt sich der Frauen- und Geschlechtergeschichte die schwierige Aufgabe „‚Frauenzentrierung‘ und ‚De-Essenzialisierung von Weiblichkeit‛“ zusammen zu denken.[34] Im Anschluss an Karin Hausens Kritik an (der Suche nach) Meistererzählungen lässt sich für die „Nicht-Einheit von Geschichte“ und die „historische Konstruktion mehrsinniger Relevanzen“, Widersprüchlichkeiten und Vieldeutigkeiten plädieren – in der Frauen- und Geschlechtergeschichte, aber auch generell in der Geschichtswissenschaft.[35]

Europäische Geschlechtergeschichten

Die Verdienste der Frauen- und Geschlechtergeschichte für die europäische Geschichtswissenschaft sind mannigfaltig. Sie steuerte nicht nur neue Themen und Fragestellungen zu den etablierten Forschungsfeldern der Politik-, Kultur-, Gesellschafts-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte bei, sondern war auch maßgeblich am Wandel von einer sozialwissenschaftlich hin zu einer deutlicher kulturwissenschaftlich ausgerichteten Perspektive beteiligt. Fragen nach der agency, der Handlungsmacht historischer Akteur_innen, kamen verstärkt in den Blick. Der sogenannte Historikerinnenstreit zwischen Claudia Koonz und Gisela Bock um die Beteiligung von Frauen an den nationalsozialistischen Verbrechen etwa regte eine intensive Auseinandersetzung mit weiblicher Täterschaft (statt Opferrolle) an und trug damit Wesentliches zur Frage nach den Handlungsräumen während des Nationalsozialismus bei.[36]

Zu den von der Frauen- und Geschlechtergeschichte ausgehenden Impulsen für die Geschichtswissenschaft zählten von Anfang an die Ausdifferenzierung, Nuancierung, aber auch Infragestellung zentraler Begrifflichkeiten und Kategorien wie beispielsweise Nation, Bürgertum oder Arbeit, die fortan nicht mehr verwendet werden konnten, ohne über ihre geschlechtsspezifischen Implikationen und Kodierungen nachzudenken. Darüber hinaus wurden neue Themenfelder wie die Körper- und Sexualitätsgeschichte (mit-)erschlossen. Damit erweiterte die Frauen- und Geschlechtergeschichte letztlich die Definition des historisch Relevanten und machte deutlich, dass soziale Ordnungen immer auch Geschlechter- und Körperordnungen sind. Die europäische Geschichte kann somit auf eine Auseinandersetzung mit den historisch-spezifischen Geschlechterordnungen in Europa nicht verzichten.

Bestimmend für die europäischen Geschlechterordnungen der Moderne war und ist die Annahme (nur) zweier und zudem klar voneinander unterscheidbarer Geschlechter.[37] In ihrem für die Frauengeschichte wegweisenden Aufsatz über die „Polarisierung der „Geschlechtercharaktere“ und die „Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben“ umriss Karin Hausen 1976 die Entstehung der bürgerlich-europäischen binären Geschlechterordnung, die Männer und Frauen als grundsätzlich verschiedene, aber in ihren Eigenschaften komplementäre Wesen begriff.[38] Dabei wurden den beiden Geschlechtern jeweils bestimmte Eigenschaften zugeschrieben. Frauen wurden mit Passivität, Schwäche, Liebe, Hingabe und ähnlichen Attributen verknüpft und dem Privaten und Häuslichen zugeordnet. Aktivität, Stärke und Rationalität hingegen wurden Männern zugeschrieben, was sie wiederum für die öffentliche und politische Sphäre prädestinierte. Diese Polarisierung der sozialen Geschlechtscharaktere komplementierte Thomas Laqueur 1990 mit seiner These vom Wandel des (frühneuzeitlichen) one-sex model, das Frauenkörper als graduelle Abweichung vom männlichen Normkörper auffasste, hin zu einem (modernen) two-sex model, das von zwei biologisch fundamental unterschiedenen Körpern ausgeht, die Polarisierung also auch auf Ebene der Geschlechtskörper (sex) instituiert.[39] Thomas Laqueur, Claudia Honegger und andere konnten zeigen, dass Differenzen zwischen den Geschlechtern in Europa seit dem 18. Jahrhundert verstärkt anthropologisiert, biologisiert und medikalisiert wurden und dass die entsprechenden lebenswissenschaftlichen Diskurse massiv von zeitgenössischen Geschlechterkonzeptionen strukturiert waren (und sind) und an deren Konstruktion mitwirk(t)en.[40] Geschlechterordnungen sind immer auch Wissensordnungen und vice versa. Besondere Wirkmächtigkeit erlangten Biologisierung und Medikalisierung dadurch, dass sie die Unterordnung von Frauen und ihren Ausschluss aus bestimmten gesellschaftlichen Sphären als natürlich legitimierten – just zu einem Zeitpunkt, als die sich entwickelnden aufklärerischen Vorstellungen von der Freiheit und Gleichheit aller Menschen Geschlechter- und andere Hierarchien in Frage zu stellen erlaubten. Die Polarisierung und Naturalisierung der Geschlechterordnung lässt sich mithin als Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen und das historisch neue Gleichheitspostulat verstehen. Die Vehemenz, mit der an der Durchsetzung der binären Geschlechterordnung gearbeitet wurde, zeigt möglicherweise, wie prekär und legitimierungsbedürftig die Ungleichheit der Geschlechter gerade angesichts der zunehmenden Infragestellung der religiösen Ordnung geworden war.[41]

Die Naturalisierung der Zweigeschlechtlichkeit und die geschlechtsspezifische Kodierung des öffentlichen und privaten Raums flankierte die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, welche die Reproduktionsarbeit den Frauen überließ, die aufgrund ihrer mütterlichen Eigenschaften als für diesen Bereich prädestiniert galten. Auch wenn das bürgerliche Familienmodell für breite soziale Schichten nicht die Realität darstellte, so spielte es als Norm doch eine bedeutende Rolle. Das zeigt sich nicht zuletzt in der zunehmenden Verbreitung der Kleinfamilie, die – wenn auch mit deutlichen regionalen Unterschieden – für das moderne Europa des 20. Jahrhunderts prägend werden sollte.[42]

Eine europäische Geschlechtergeschichte macht auch dann Sinn, wenn sie sich nicht mit Europa als Gegenstand befasst. Vielmehr geht es ihr um eine Auseinandersetzung mit dem „Geflecht von in Europa gelebten und von Europa aufgezwungenen Trennungen und Ausschlüssen in der Vergangenheit“[43] bis in die Gegenwart. Dabei geraten nationale Divergenzen und Konkurrenzen innerhalb Europas – nicht zuletzt mit ihren jeweils unterschiedlichen Formen, Geschlecht und Nation zu verknüpfen[44] – ebenso in den Blick wie Konvergenzen, insbesondere in der Abgrenzung von außereuropäischen Regionen. Denn gerade die Bezüge zu außereuropäischen und oft kolonialen Kontexten waren es, über die sich Europa konstituierte und stabilisierte. Nicht erst in jüngster Zeit dient die Annahme, die (west)europäische Geschlechterordnung sei der Inbegriff von Geschlechtergerechtigkeit und Fortschrittlichkeit, der Abwertung der (Geschlechter-) Verhältnisse in den als peripher geltenden europäischen wie den nicht-europäischen Regionen. Bereits im 18. Jahrhundert wurde die „zivilisierte Geschlechterordnung“ als europäisch markiert, und auch die Gegensatzpaare, die bemüht wurden, um Europa vom Rest der Welt abzugrenzen – etwa „Dynamik versus Stagnation, Kraftentfaltung versus Dekadenz“ – wurden über die binäre Geschlechterordnung artikuliert.[45] Diese enge Verknüpfung von Kolonial- und Geschlechterordnungen, von „Rasse“, Geschlecht und Sexualität ist insbesondere von Vertreter_innen der postcolonial studies aufgearbeitet worden, deren Studien für intersektionale Perspektiven auf die Geschichte daher unverzichtbar sind.[46] In die historischen und gegenwärtigen Konstruktionen, Imaginationen und Wahrnehmungen von Europa sind demnach (immer auch rassifizierte und ethnisierte) Geschlechterdifferenz und Heteronormativität fest eingeschrieben. Nicht zuletzt darin, diese zu dekonstruieren, liegt das große Potential einer reflexiven europäischen Geschlechtergeschichte.

Für die europäische Geschlechtergeschichte des 20. Jahrhunderts stellt das Jahr 1989 einen wichtigen Einschnitt dar. Denn nun galt es, die Frauen- und Geschlechtergeschichte der ehemaligen sozialistischen Länder in eine neu zu konzipierende europäische Geschichte zu integrieren, die sich nicht auf Westeuropa beschränkte und westeuropäische Entwicklungen nicht zur Norm erklärte.[47] Dabei kamen unterschiedliche Wissenschaftskulturen und Wahrnehmungen Europas in Berührung miteinander. Ebenso gerieten im Zuge dieser Forschungen europäische Raumvorstellungen, allen voran die Grenzziehungen zwischen Ost und West und Nord und Süd, in Bewegung.[48] Es wurde deutlich, dass die „(geografische) Verortung von Themen und Subjekten in der Historiografie“[49], die ungleiche Machtverteilung innerhalb Europas und auch innerhalb der feministischen Wissenschaften in Europa zu reflektieren ist,[50] um geopolitische Ungleichheiten nicht einfach zu reproduzieren.

Eine solchermaßen kritische europäische Geschlechtergeschichte wird Europa nicht zur fraglosen „Schlüsselkategorie“ der Geschichtsschreibung machen, sondern Europa historisieren und – im Sinne eines europäischen Kommunikations-, Handlungs- und Erfahrungsraums – nach den vielfältigen Verflechtungen und wechselseitigen Wahrnehmungen innerhalb Europas, etwa zwischen Ost- und Westeuropa, sowie zwischen Europa und außereuropäischen Regionen fragen.[51] Insbesondere die Migrationsforschung, komparatistische, inter- und transkulturelle Ansätze sowie nicht zuletzt die postcolonial studies haben dazu beigetragen, Europa in diesem mehrfachen Sinne zu de-zentrieren und es als eine (heterogene) Region innerhalb einer neu zu konzipierenden Globalgeschichte zu verstehen.[52] Die Frage, was Europa ausmacht, bleibt eine offene Frage: „There is the question of what is specifically European, and, even more, how should that question be asked?“[53] Darüber werden sich (nicht nur) Geschlechterhistoriker_innen auch in Zukunft weiter streiten.

Zu diesem Band

Die in diesem Band versammelten Beiträge verstehen Europa nicht als einen klar abgrenzbaren geografischen Raum oder Container, sondern, erstens, als transnationalen Kommunikations- und Handlungsraum, welcher sich durch eine Vielzahl von Verflechtungs- und Transferprozessen auszeichnet.[54] Diese Prozesse fanden sowohl auf Makro- also auch auf der Meso- und Mikroebene statt. So werden im Rahmen dieses Bandes beispielsweise transnationale Lebensläufe untersucht, aber auch die Herausbildung von grenzüberschreitenden feministischen Netzwerken. Zweitens greifen die Beiträge Europa als „europäischen Erfahrungsraum“[55] auf und versuchen sich an einer „Erfahrungsgeschichte Europas von unten“[56], oft mit Hilfe von Ego-Dokumenten. Dabei zeigt sich das Potenzial von Mikrogeschichte, das Lokale im Kontext einer transnationalen europäischen Geschichte (neu) zu verorten.[57] Diese Perspektiven lassen sich in dem dynamischen Konzept der Europäisierung zusammenführen, wie es Hartmut Kaelble und Martin Kirsch vorgeschlagen haben und das Europäisierung als Prozess der Transnationalisierung und zunehmenden Verflechtung begreift, in dem es zur Herausbildung politischer, kultureller, gesellschaftlicher, rechtlicher und wirtschaftlicher Konvergenzen zwischen europäischen Regionen und Staaten, aber auch zur Entstehung von diesbezüglichen Besonderheiten und Divergenzen kommt.[58] Um diese festzustellen, sind komparatistische Perspektiven unerlässlich.[59] Die Beiträge dieses Bandes stellen, nicht zuletzt auch aufgrund der Kürze der Texte, selten einen vollumfänglichen Vergleich an; sehr wohl aber erörtern die Autor_innen durch punktuelle Vergleiche oder die Betonung von transnationalen Transfers ihre Gegenstände innerhalb eines europäischen Kontextes.

Der vorliegende Band gliedert sich in vier Sektionen: Feminismus (I), Frauenarbeit (II), Männlichkeiten (III) sowie Körper und Sexualitäten (IV). Dieser Aufbau reflektiert die skizzierten Entwicklungen der Frauen- und Geschlechtergeschichte in den vergangenen Jahrzehnten. Die erste Sektion nimmt mit der Geschichte des Feminismus Bezug auf eines der ersten und nach wie vor besonders produktiven Forschungsfelder der Frauen- und Geschlechtergeschichte, der es immer auch darum ging, die Kämpfe von Frauen um Gleichberechtigung aufzuarbeiten und damit auch das eigene – politische und wissenschaftliche – Engagement historisch zu situieren. In der zweiten Sektion kommt mit der Frauenarbeit ein zentrales Thema der Frauenbewegungen einerseits und der Frauen- und Geschlechterforschung andererseits zur Sprache. Insbesondere an der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und der ins Private verschobenen und damit unsichtbar gemachten Reproduktionsarbeit von Frauen entzündete sich die Debatte; deutlich wurde hier unter anderem die enge Verschränkung von Wirtschafts- und Geschlechterordnung.[60] Die dritte Sektion widmet sich Männlichkeiten in der Geschichte. Sie verweist damit auf die notwendige Ergänzung und Erweiterung der Forschungen zu Frauen und Weiblichkeiten, die ab den 1990er-Jahren im Sinne der Relationalität von Geschlecht vermehrt Beachtung fanden. Männlichkeiten wurden nun ebenfalls als instabile und historisch variable Konzepte herausgearbeitet. In der letzten Sektion stehen mit Beispielen aus dem Feld der Körpergeschichte und der Geschichte der Sexualitäten diejenigen analytischen und thematischen Erweiterungen des Feldes im Zentrum, die besonders im Zuge der Auseinandersetzung mit den Queer Studies erfolgten.

Die Anordnung der vier Sektionen verweist auf die historische Abfolge bestimmter thematischer Konjunkturen in der Frauen- und Geschlechtergeschichte, soll aber – nicht zuletzt im Sinne eines die eigenen Forschungstraditionen bewahrenden Ansatzes – keine Fortschrittsgeschichte signalisieren. Vielmehr verstehen wir die vier Bereiche als nach wie vor aktuelle, sich beständig weiter entwickelnde und für die Geschlechterforschung paradigmatische Felder, die mit ihren jeweiligen empirischen und theoretischen Reflexionen maßgeblich für die Frauen- und Geschlechtergeschichte waren und auch in Zukunft die Forschungslandschaft prägen werden.

Sektion I: Feminismus

Besonders anhand der Geschichte des Feminismus wird deutlich, wie wirkmächtig die Kategorie Geschlecht für die europäischen Gesellschaften war und welches Potenzial Geschlechtergeschichte als europäische Gesellschaftsgeschichte besitzt. In den Beiträgen begegnen uns Frauen als politische Akteurinnen, die sich intensiv für Frauenrechte einsetzten und sich an der Entwicklung neuer Geschlechterordnungen in Europa beteiligten.[61] Oft kam es dabei zu grenzüberschreitender Zusammenarbeit. Doch machte der Nationalismus auch vor Teilen der Frauenbewegung keineswegs Halt, wie sich zeigen wird.

Gisela Bocks Beitrag diskutiert mit der „Erklärung der Rechte der Frau“ von Olympe de Gouges im Kontext der Französischen Revolution ein Schlüsseldokument des europäischen feministischen und politischen Denkens. In ihrem programmatischen Essay analysiert sie die Konstitution des modernen staatsbürgerlichen Subjekts und den Ausschluss von Frauen aus diesem Prozess und damit aus der Sphäre des Politischen, gegen den sich de Gouges Intervention richtete. Dabei wirft Bock zentrale Fragen nach dem Verhältnis von Geschlecht und Politik, Gleichheit und Differenz auf. Es wird deutlich, dass die Kategorie „Frau“ von de Gouges bemüht wurde, um für diese staatsbürgerliche Rechte einfordern zu können. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass sie mit ihrer Kritik am Ausschluss von Frauen, welche die „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ (1789) vornahmen, einen universalistischen Anspruch verfolgte. Fortan sollte der Kampf um die Anerkennung von Frauen als politische Subjekte und die Forderung nach deren (rechtlicher) Gleichstellung ein bestimmendes Thema für die sich entfaltenden europäischen feministischen Bewegungen bleiben – ein bis heute noch unabgeschlossenes und gefährdetes Projekt.

Feministische Bewegungen sind nicht nur beeinflusst von Europäisierung und Globalisierung, sondern sind für eben diese Prozesse auch eine treibende Kraft.[62] So bildeten sich bereits früh grenzüberschreitende feministische Netzwerke heraus. Im späten 19. Jahrhundert begannen die entstehenden nationalen Frauenbewegungen transnationale Netzwerke zu schaffen, nicht nur innerhalb Europas, sondern auch im engen Austausch mit der US-amerikanischen Frauenbewegung.[63] Ruth Nattermann diskutiert in ihrem Beitrag die erste internationale Frauenvereinigung, die 1868 gegründete Association Internationale des Femmes (AIP). Der Essay nimmt einerseits das Gründungsstatut der AIP in den Blick, andererseits aber auch die (transnationalen) Biografien von drei wichtigen Protagonistinnen: Marie Goegg, Gualberta Alaide Beccari und Paolina Schiff. Die Friedensbewegung bot einen Raum für das politische Engagement von Frauen zu einer Zeit, als diese noch für ihr aktives und passives Wahlrecht kämpfen mussten. Dennoch war die Arbeit der Vereinigung nicht auf die Themen der Friedensbewegung beschränkt, sondern zielte auch auf die allgemeine Gleichberechtigung von Frauen als Staatsbürgerinnen und die Öffnung des Zugangs zu allen Berufen ab. In der AIP arbeiteten mehrheitlich bürgerliche Frauen aus der Schweiz, Frankreich, Italien und England zusammen. Die Organisation selbst war jedoch international vernetzt, unter anderem mit entsprechenden Gruppen in Frankreich, England, den USA und Russland. Doch nicht nur nationale, sondern auch religiöse, politische und soziale Unterschiede suchte die AIP zu überbrücken. Auch wenn sie am entflammenden Nationalismus angesichts des Ersten Weltkrieges letztlich scheiterte, so gab die Organisation doch wichtige Impulse für die weitere Entwicklung und Verflechtung europäischer Frauenbewegungen. Am Beispiel der AIP wird damit deutlich, dass Transnationalisierung und Europäisierung keine teleologischen, sondern umkämpfte und prekäre Prozesse sind.

Margareth Lanzingers Essay beschäftigt sich mit den politischen Kontroversen um die Ehe am Beginn des 20. Jahrhunderts. Anhand der Ehekritik der bekannten und frauenbewegten Schriftstellerin und Publizistin Hedwig Dohm skizziert sie den Streit zwischen Kirche, Parteien und Strömungen der Frauenbewegung um die Zukunft der Institution Ehe.[64] Hier wird einmal mehr das utopische Potenzial feministischer Kritiken und Politiken sichtbar, basierte Dohms Vision doch auf der Vorstellung von freier Liebe, welche zwischen Mann und Frau als gleichberechtigte Partner_innen bestehen sollte. Dohm setzte sich für die ökonomische Unabhängigkeit von Frauen, das Recht auf Scheidung und letztlich für eine fortgesetzte Suche nach der „richtigen“ Form der Vereinigung zweier Menschen ein. Diese Ideen besaßen politische Sprengkraft, stellten sie doch die bestehende Gesellschaftsordnung in Frage. Denn über die Ehe wurde die Benachteiligung von Frauen fest- und fortgeschrieben und die geschlechtsspezifische (bzw. geschlechtsdifferenzierende) Arbeitsteilung organisiert. Ehekritik war damit zugleich fundamentale Gesellschaftskritik. Lanzinger macht in ihrem Beitrag entsprechend deutlich, welche zentrale Rolle die „Frau-Familie-Einheit“[65] für die Organisation moderner europäischer Gesellschaften spielt(e).

Während Nattermann die frühe feministische Friedensbewegung in den Blick nimmt, widmet sich Belinda Davis der auch stark von Feministinnen getragenen Friedensbewegung in der Bundesrepublik Deutschland der 1980er-Jahre und ihrem Europabild.[66] Unter dem Eindruck der angespannten außenpolitischen Situation nach dem NATO-Doppelbeschluss wurde das Bild von Europa als friedliebender Frau mit den aggressiven, männlichen USA kontrastiert. Wie Davis ausführt, hat das Bild von Europa als Frau eine lange Tradition mit jeweils historisch-spezifischen Konnotationen.[67] Für die westdeutsche Friedensbewegung war es positiv besetzt und bot qua Selbstviktimisierung – das weibliche Europa als Opfer des männlichen Aggressors USA – einen vermeintlichen Ausweg nicht zuletzt auch aus der mit der Shoah verbundenen Schuld. Hier artikulierte sich zudem eine Abgrenzung von den USA, die sich in eine lange Tradition deutscher und europäischer Kulturkritik an Prozessen der Amerikanisierung einreihen lässt. Eine europäische Geschichte der Moderne ist ohne die Einbeziehung von US-amerikanischen Kulturtransfers und der Leuchtkraft der Idee, dass die USA auf einzigartige Weise Modernität verkörper(te)n, nicht denkbar – dasselbe gilt aber auch für die oft vehemente Abwehr US-amerikanischer Einflüsse, die ebenso zur Konstitution dessen beitrugen, was unter Europa verstanden wurde.[68] Davis’ Artikel bietet Einblicke in die Europavorstellungen der (west)europäischen Friedensbewegung nicht nur auf rhetorischer, sondern auch auf visueller Ebene und kontextualisiert diese mit Blick auf die transatlantischen Beziehungen.

Die bewegten 1980er-Jahre stehen ebenfalls im Mittelpunkt von Maria Bühners Beitrag, der allerdings die andere Seite des nur vermeintlich undurchlässigen Eisernen Vorhangs fokussiert. Bühner macht deutlich, dass die Politisierung von Geschlecht und Sexualität als transnationale Prozesse verstanden werden müssen. Es kam im Kontext der Entstehung und Entwicklung der Homosexuellen- und Lesbenbewegungen in den 1970er- und 1980er-Jahren zu einer Vielzahl von Transfers zwischen „Ost“ und „West“, sei es in Form von (Brief-)Freundschaften, geschmuggelten Büchern oder Treffen von Aktivist_innen. Ausgehend von der Analyse des Informationspapiers der Gruppe Lesben in der Kirche von 1985/86 skizziert Bühner die Politisierung lesbischer Sexualität und die sich entfaltenden Identitätspolitiken in der DDR. Sie begreift die Entstehung der Lesbenbewegung als Antwort auf die Marginalisierung, Pathologisierung und Diskriminierung von Lesben in den vorangegangenen Jahrzehnten. Doch beschränkten sich weder die Analyse noch die Kritik der Lesben in der Kirche auf diese Themen. Auch feministische und staatskritische Perspektiven informierten ihre Analyse und Arbeit. Mit der Thematisierung von lesbischem Feminismus verweist Bühner auf die zahlreichen Leerstellen der Feminismus-Sektion, welche die Vielfältigkeit feministischer Strömungen, Kämpfe und Themen nur andeuten kann.

Jüdischer Feminismus, Schwarzer Feminismus, marxistischer, kommunistischer und sozialistischer Feminismus, Trans*feminismus und andere Feminismen sind nicht zuletzt auch als Reaktion darauf zu verstehen, dass meist westliche, weiße Akteurinnen aus der Mittelschicht andere Formen der Diskriminierung nicht wahr- und ernstnahmen und soziale Ungleichheiten nicht in ihrer Komplexität zum Gegenstand feministischer Kämpfe machten.[69] Eine theoretische Antwort auf diese Situation stellt das Konzept der Intersektionalität dar, welches von women of colour entwickelt wurde und durch den wegweisenden Aufsatz „Mapping the Margins“ der afroamerikanischen Juristin Kimberlé Crenshaw weite Verbreitung gefunden hat.[70] Intersektionalität verweist mit dem Bild der (Über)kreuzungen von Diskriminierungen auf ein dynamisches Verständnis von Machtverhältnissen und auf ein Interesse für die Effekte ihrer Überlappungen. Im Gegensatz zur verbreiteten Rezeption im deutschsprachigen Forschungsraum entsteht dabei nicht eine einfache Überschneidung statischer und separater Kategorien, sondern diese konstituieren und artikulieren sich wechselseitig. Intersektionalität macht die Komplexität und Diversität von Vergeschlechtlichungsprozessen im Verbund mit anderen sozialen Prozessen deutlich und bietet anspruchsvolle und bereichernde Analyseperspektiven für weitere Forschungen.[71]

Sektion II: Frauenarbeit

Die Organisation von Arbeit und die Geschlechterordnung sind eng miteinander verzahnt, wie sich in der (geschlechter)historischen Analyse zeigt. Formen geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und die mit ihnen einhergehenden Zuschreibungen sozialer Wertigkeit lassen sich in allen bekannten Gesellschaften nachweisen.[72] Die Vorstellung von Männer- und Frauenberufen bzw. -tätigkeiten ist demnach „als grundlegendes kulturelles Vehikel zu begreifen, welches überall und zu jeder Zeit die Regularien der Geschlechterordnung zur Anschauung bringt.“[73] Kooperation und Konkurrenz der Geschlechter auf dem Gebiet der Arbeit prägten bereits die europäischen Gesellschaften in Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit.[74] Für die Veränderungen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung im modernen Europa waren zwei Entwicklungen maßgeblich: die Industrialisierung und die Herausbildung eines bürgerlichen Familienmodells. Frauen übten in der Fabrik nur bestimmte Tätigkeiten aus, besaßen kaum Qualifizierungsmöglichkeiten und verdienten deutlich weniger. Mit der Lohnarbeit etablierte sich ein nachhaltiges Lohngefälle zwischen Frauen und Männern. Die bürgerliche geschlechtsspezifische Arbeitsteilung wiederum führte im 19. Jahrhundert nicht nur zur Aufspaltung in Produktion und Reproduktion, Öffentlichkeit und Privatheit, sondern konstituierte auch die entstehende Welt bürgerlicher Berufe entscheidend mit. Die Herausbildung der Professionen ab dem späten 18. Jahrhundert und die – rechtliche wie ideologische – Exklusion von (bürgerlichen) Frauen sind zwei miteinander verflochtene Prozesse, die ein wichtiges Moment europäischer Geschlechterordnungen der Neuzeit markieren. Die zaghafte Öffnung von Bildungsberufen für (bestimmte) Frauen während des späten 19. und im Laufe des 20. Jahrhunderts stellt eine wichtige, jedoch keineswegs geradlinige Entwicklung auf dem Gebiet der Arbeit dar.[75]

Der Beruf der Lehrerin wurde als erster Bildungsberuf für Frauen geöffnet und ermöglichte diesen eine größere Unabhängigkeit und Mobilität.[76] Relinde Meiwes Essay über die Erfahrungen einer kleinen Gruppe von katholischen Schwestern, die 1877 von Preußen nach Helsinki gingen, um dort als Lehrerinnen zu arbeiten, greift diese zunehmende Mobilität von Frauen auf. Im Kontext der von Meiwes untersuchten Frauenkongregationen entstand eine Gruppe hochmobiler Frauen, die sich zwar auf der einen Seite den strengen Ordensregeln zu unterwerfen hatten, aber auf der anderen Seite an der Gestaltung des katholischen transnationalen Milieus im 19. und frühen 20. Jahrhundert intensiv beteiligt waren. Ihre transnationalen Biografien, die Meiwes exemplarisch anhand eines Reiseberichts aufarbeitet, sind Ausdruck voranschreitender Verflechtungen innerhalb Europas. Doch waren Mobilität und Migration oft mit politischen und/oder wirtschaftlichen Zwängen verbunden: So war es den katholischen Schwestern aufgrund des Kulturkampfes nicht mehr möglich, in Preußen als Lehrerinnen zu arbeiten. Migration – auch erzwungene Migration – bildete demnach ein wichtiges Moment der Europäisierung.[77] Meiwes Beispiel zeigt, welche wichtige Rolle Frauen dabei bereits im 19. Jahrhundert gespielt haben.

Die bislang größten Migrationsbewegungen und Zwangswanderungen in Europa lösten die menschenverachtende nationalsozialistische Politik und der Zweite Weltkrieg aus.[78] Im Zentrum der Verfolgung standen Jüdinnen und Juden. Kirsten Heinsohn thematisiert in ihrem Essay die Erfahrungen und Deutungen der jüdischen Soziologin Eva Reichmann, zum einen in Bezug auf ihre durch die antisemitische NS-Politik erzwungene Emigration nach Großbritannien und zum anderen auf die daraus resultierende (Un-)Möglichkeit, sich positiv auf das Nachkriegsdeutschland zu beziehen, das zu keiner Zeit ein Signal an emigrierte Juden und Jüdinnen aussprach, in ihr Herkunftsland zurückzukehren. In ihren wissenschaftlichen Arbeiten widmete sich Reichmann intensiv der Entstehung des deutschen Antisemitismus und der Verfolgung von Juden und Jüdinnen im Nationalsozialismus. Der Essay thematisiert darüber hinaus auch die wissenschaftliche Karriere einer jüdischen Frau in einem deutlich männlich dominierten Feld unter zum Teil schwierigen materiellen Bedingungen. In dem ausführlichen Interview mit Reichmann, welches die Quellengrundlage des Essays bildet, nehmen ihr Jüdisch-Sein und das problematische Verhältnis zum Deutsch-Sein eine wesentlich größere Rolle ein als ihr Geschlecht – ein geschlechterhistorisch relevanter Befund, der die Notwendigkeit einer intersektionalen Perspektive verdeutlicht.

Der wesentlich größere Teil von Frauenarbeit jedoch fand nicht in der Wissenschaft oder anderen Professionen, sondern in Form von häuslicher Reproduktionsarbeit, in der Industrie und Landwirtschaft statt. Eine Besonderheit der europäischen Gesellschaften der Moderne ist ihre starke Prägung durch Industriearbeit; mitunter über mehrere Jahrzehnte hinweg arbeitete der größte Teil der Beschäftigten im Industriesektor.[79] Industriearbeit war in Europa oft Ausgangspunkt politischer und sozialer Kämpfe, wie sie die sozialistischen, kommunistischen und anarchistischen Arbeiter_innenbewegungen in unterschiedlichen Regionen Europas im 19. und 20. Jahrhundert ausfochten.[80] Die Gleichberechtigung von Männern und Frauen gehörte vielfach zu den zentralen politischen Versprechen, die in den realsozialistischen Staaten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (zumindest rechtlich) schneller und umfassender umgesetzt wurden als in den westeuropäischen Ländern. Das galt neben dem Ehe- und Scheidungsrecht auch für das Recht auf Abtreibung sowie für die gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit. 1989 sollte sich zeigen, wie unterschiedlich Realität und Wahrnehmung weiblicher Erwerbsarbeit in Ost und West nach wie vor waren. Die außerhäusliche Erwerbsarbeit von Frauen hatte sich in weiten Teilen Osteuropas, nicht zuletzt aufgrund des Arbeitskräftemangels, nach dem Zweiten Weltkrieg zur Norm entwickelt. Sie spielte als ideologischer Streitpunkt während des Kalten Krieges vor allem in der Bundesrepublik und der DDR eine wichtige Rolle; die jeweilige Geschlechterordnung wurde in Ost- und Westdeutschland als Beweis für die Überlegenheit des jeweiligen Systems angeführt. Trotz aller Fortschritte bei der Gleichstellung von Frauen in den realsozialistischen Staaten lag jedoch auch dort die Hauptlast der Reproduktionsarbeit weiterhin bei den Frauen.

Die schwierigen Arbeits- und Lebensbedingungen von Arbeiterinnen im sozialistischen Jugoslawien Mitte der 1960er-Jahre werden von Chiara Bonfiglioli diskutiert. Als Quelle dient ihr der dokumentarische Kurzfilm Od 3 do 10 des kroatischen Regisseurs Krešimir Golik. Damit rückt sie eine auch künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Frauenarbeit und das Potenzial von bewegten Bildern als Quelle in den Blickpunkt.[81] Neben der monotonen Arbeit in der Textilfabrik ist der Tag der Hauptfigur des Kurzfilms bestimmt durch die Reproduktionsarbeit – in Form von Kinderbetreuung, Essenseinkauf und -zubereitung, dem Waschen von Kleidung, dem Putzen und anderen Tätigkeiten. Wie Bonfiglioli herausarbeitet, zeigt der Film die Lebensrealitäten von Arbeiterinnen besonders im ländlichen Raum Jugoslawiens auf und macht deutlich, dass trotz der sozialistischen Politik, die auf die teilweise Auslagerung der Reproduktionsarbeit in öffentliche Einrichtungen wie Kantinen und Kindergärten abzielte, Frauen weiterhin hauptverantwortlich für diesen Bereich blieben. Ohne Frage ist Reproduktionsarbeit zentral für das Funktionieren von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen und verdient folglich mehr Aufmerksamkeit, auch in der historischen Forschung.[82]

Auch im Kontext von Arbeiter_innenkämpfen und politischen Experimenten spielte die Reproduktionsarbeit von Frauen eine wichtige Rolle. Christiane Mende thematisiert in ihrem Beitrag den Arbeitsalltag in der belegschaftseigenen Glashütte Süßmuth mit Blick auf die Situation von Industriearbeiterinnen. Der Betrieb wurde 1973 als erster in der Geschichte der Bundesrepublik von den Arbeiter_innen übernommen und fortan selbstverwaltet. Ihre zentrale Frage ist, welche Rolle Frauen in diesem Prozess spielten und wie ihre Arbeitsbedingungen sich gestalteten. Als Quelle dient ein Interview mit vier Arbeiterinnen, deren Ehemänner als Facharbeiter ebenfalls in dem Betrieb tätig waren. Die Frauen hatten im Vergleich zu den Männern die ungelernten und schlechter bezahlten Tätigkeiten inne. Dennoch zeigten sie ein großes Selbstbewusstsein gegenüber ihren männlichen Vorgesetzten. Dass sie sich nicht aktiv an den Protesten, der Betriebsübernahme und Selbstverwaltung beteiligten, ist nicht zuletzt auf die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zurückzuführen. Die Arbeit der Frauen fand auf der „Hinterbühne“ der Selbstverwaltung statt. Sie waren nicht an der Organisation des Protestes oder in den neu gegründeten Gremien vertreten, sondern hielten den Männern den Rücken frei, indem sie (selbstverständlich) neben ihrer Lohnarbeit die häuslichen Reproduktionsarbeiten übernahmen und in der Kleinstadt Immenhausen bei der Bevölkerung für die Akzeptanz der Betriebsübernahme warben. Die Quelle ist insofern ein seltenes Zeugnis, als sie die Stimmen und Perspektiven von Arbeiterinnen dokumentiert. Gleichzeitig verweist sie auf eine weitere Leerstelle in der Überlieferung der Geschichte der Arbeit: Migrantische Arbeiterinnen, von denen es 1973 über 700.000 in der Bundesrepublik gab,[83] werden auch in dieser Quelle nur am Rande erwähnt und kommen nicht selbst zu Wort.

Stand im Fokus der (historischen) Forschung zur Arbeit lange Zeit die Erwerbsarbeit von Männern, so gelang es der Frauen- und Geschlechtergeschichte, diese Beschränkung in mehrfacher Hinsicht aufzubrechen.[84] Nicht nur fand die außerhäusliche und bezahlte Arbeit von Frauen Beachtung; auch die zentrale Rolle der Reproduktionsarbeit für das Funktionieren von Gesellschaften wurde, wie gesagt, sichtbar gemacht. Mit Blick auf die intensiven Umwälzungen in der Organisation von Arbeit durch die Deindustrialisierung, die in Westeuropa ab den 1970er Jahren und in Osteuropa ab den 1990er-Jahren einsetzten, stellt sich eine Vielzahl von neuen Fragen für die geschlechterhistorische Forschung: Was bedeutet die zunehmende Flexibilisierung von Arbeit im Neoliberalismus für Frauenarbeit?[85] In welchem Verhältnis steht diese zur Flexibilisierung von Geschlecht? Und was bedeutet die zunehmende Ökonomisierung von Reproduktionsarbeit und die Auslagerung an Frauen aus ärmeren Ländern?

Sektion III: Männlichkeiten

Im Zuge der Ausweitung bzw. Verschiebung der Frauen- hin zur Geschlechtergeschichte rückten seit den 1990er-Jahren auch vermehrt Männer als geschlechtlich markierte Akteure in den Blick der Forschung. Im Kontext der interdisziplinären Men’s Studies, die sich in den USA bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren und nicht zuletzt in Reaktion auf Frauenbewegung und Frauenforschung an den Universitäten etabliert hatten[86], wurden nun auch Männer und Männlichkeiten zum Gegenstand zunächst sozialwissenschaftlicher, bald aber auch historischer Forschung. Der Fokus liegt dabei nach wie vor auf der „machttheoretische[n] Analyse der Position von Männern im Geschlechterverhältnis“, um zum einen die systematische Unterdrückung von Frauen und zum anderen die „Dominanzverhältnisse unter Männern“ betrachten zu können.[87] Mit dem einflussreichen Konzept der hegemonialen Männlichkeit, das Raewyn Connell in die Diskussion eingebracht hat[88], lassen sich die dominanten Entwürfe von Männlichkeit in einer Gesellschaft untersuchen, die als Norm nicht nur über die Abgrenzung von Weiblichkeit, sondern auch von anderen, z.B. ökonomisch oder sexuell marginalisierten Männlichkeiten – und damit mehrfach relational – instituiert werden. Eine solchermaßen verstandene Geschichte der Männlichkeiten muss sich nicht notwendigerweise für konkrete männliche Akteure in der Geschichte, sondern kann sich auch für Prozesse des gendering interessieren, durch die bestimmte Verhaltensweisen, Denkmuster, Konzepte oder Institutionen männlich kodiert werden.[89]

Die Beiträge des Bandes greifen beide Dimensionen einer Geschichte der Männlichkeiten auf, indem sie sowohl konkrete Akteure und ihre Identitätskonstruktionen, insbesondere in Relation zu hegemonialen Männlichkeitsmustern, in den Blick nehmen als auch nach den geschlechtlichen Kodierungen gesellschaftlicher Prozesse und Institutionen fragen. Felix Axster befasst sich am Beispiel parodistischer Bildpostkarten mit den Verschränkungen von Geschlechterordnung und kolonialer Ordnung. Seine Analyse der auf den Postkarten dargestellten „verkehrten Welten“, nämlich eines zukünftigen „Frauenstaates“, der sowohl für das Deutsche Kaiserreich als auch für Deutsch-Südwestafrika imaginiert wird und in dem Frauen männlich kodierte Tätigkeiten und Institutionen übernehmen (und Männer Reproduktionsarbeiten), macht deutlich, wie der Bilderwitz normative Geschlechter- und Kolonialordnungen durch Ridikülisierung der „verkehrten Welten“ bestätigt. Zugleich aber verweisen derartige Bilderwitze immer auch auf Denormalisierungsängste, welche die Brüchigkeit vermeintlich fixer „Rassen“- und Geschlechtergrenzen zu erkennen geben. Historisch sind die untersuchten Bildpostkarten als antifeministische Reaktion auf die (in Sektion I dieses Bandes erörterten) Forderungen der Frauenbewegung zu lesen.[90] Bedroht ist die hegemoniale weiße Männlichkeit aber nicht nur von sich emanzipierenden Frauen, sondern auch von einem „rassischen Herabsinken“ der Kolonisatoren, das sich gemäß zeitgenössischer Degenerationsängste durch „Mischehen“ mit Schwarzen Frauen einstellte und immer auch einen Verlust männlicher Autorität implizierte. „Rassen“- und Geschlechtergrenzen werden hier in ihrer konstitutiven Verschränkung und ihrer – nur in dieser Verflechtung zu verstehenden – Bedeutung für das koloniale Unternehmen sichtbar, und zwar in Kolonie wie Metropole.[91] Sie verbinden sich zudem in der expliziten Sexualisierung der kolonialen Verhältnisse: Sexuelle Beziehungen zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten spielten nicht nur für das Alltagsleben in den Kolonien, sondern auch auf symbolischer Ebene eine zentrale Rolle, wurde die koloniale Expansion doch insgesamt als männliches und (heterosexuell) erotisiertes Unternehmen begriffen, wie Axster in seiner detaillierten Lektüre der Bildquellen darlegt.

Mit dem komplexen Verhältnis von Männlichkeit und Sexualität befasst sich auch der Beitrag von Annelie Ramsbrock, der eine Form „delinquenter“ Männlichkeit in den Blick nimmt, nämlich „den“ Sexualstraftäter. Im Mittelpunkt ihrer Analyse steht das 1969 erlassene und 2010 vom Europäischen Ausschuss zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe kritisierte „Gesetz über die freiwillige Kastration“, welches die Option einer Orchiektomie durch einen Arzt vorsieht, wenn dieser Eingriff in die körperliche Unversehrtheit therapeutischen Nutzen für den Patienten verspricht. Erhellend für die geschlechterhistorische Forschung ist in diesem Zusammenhang nicht zuletzt das von Ramsbrock explizierte Verhältnis von Geschlechtsorgan und Geschlechtsidentität, wie es in den sexualwissenschaftlichen und psychiatrisch-juristischen Diskursen der 1950er- und 1960er-Jahre konzeptualisiert wurde. Welche Bedeutung hatten die Geschlechtsorgane respektive ihre Entfernung für die Konstruktion männlicher Identität? In Ramsbrocks Analyse werden damit historisch-spezifische Artikulationen von sex und gender in ihrem Zusammenwirken greifbar, die der theoretischen Diskussion im Anschluss an Butler eine historisierende Perspektive hinzufügen.[92]

Hegemoniale Männlichkeit in der Bundesrepublik der 1970er-Jahre steht im Zentrum von Gabriele Metzlers Beitrag über die Antiterrorpolitik der Bundesregierung, die sie am Beispiel eines Spiegel-Interviews mit Bundeskanzler Helmut Schmidt vom April 1975, kurz nach dem Ende der von der RAF durchgeführten Geiselnahme in der Stockholmer Botschaft, analysiert. Eine geschlechtergeschichtliche Perspektive ist hier nicht nur deshalb angezeigt, weil es sich bei den Akteuren der Antiterrorpolitik – in den Krisenstäben wie in der medialen Öffentlichkeit – ausnahmslos um Männer handelte, sondern auch, weil die verwendete, oft martialische Sprache sowie der an den Tag gelegte soldatische Habitus in der Terrorbekämpfung klar männlich kodiert waren. Angst durfte und konnte nicht artikuliert werden. Metzler gelingt es, diese Form hegemonialer Männlichkeit zum einen über den Rückgriff auf ältere Erfahrungen zu erklären, hatte doch ein nicht unerheblicher Teil der Antiterror-Experten noch als Soldat am Zweiten Weltkrieg teilgenommen. Zum anderen aber setzt sie die kühle und soldatische Männlichkeit in Beziehung zu den neuen, alternativen Männlichkeitsentwürfen, wie sie im Zuge der soziokulturellen Transformationsprozesse der 1960er- und 1970er-Jahre entstanden sind. Sie verweist damit auf die Dynamik der Geschlechterverhältnisse, die nicht nur die Beziehungen zwischen Männern und Frauen verändert, sondern auch unterschiedliche Konzepte von Männlichkeit hervorbringt, die sich nur in Relation zueinander angemessen betrachten (und historisieren) lassen. Was jeweils als hegemoniale oder marginale Männlichkeit (und Weiblichkeit) gilt, ist demnach umstritten und in steter Veränderung begriffen. Gerade die zeithistorische Forschung hat in dieser Hinsicht noch großen Nachholbedarf.[93]

Mit marginalisierter Männlichkeit in der Bundesrepublik befasst sich der Beitrag von Pablo Dominguez Andersen, der den deutschsprachigen Rap-Song „Ahmet Gündüz“ von Fresh Familee aus dem Jahre 1991 auf migrantische Männlichkeitsentwürfe und ihr Verhältnis zur hegemonialen deutschen/weißen Norm hin analysiert. Er greift damit zum einen das bereits in den ersten beiden Sektionen dieses Bandes thematisierte Moment der Transnationalität und Migration auf. Zum anderen wird der Fokus auf (Frauen-)Arbeit in Sektion II hier um die Dimension der so genannten Gastarbeit erweitert, wenn der Rapper Tahir Cevik alias Tachi in die Rolle des aus der Türkei angeworbenen Arbeiters Ahmet Gündüz schlüpft, um dessen von schwierigen Arbeits- und Lebensbedingungen sowie Diskriminierungserfahrungen geprägte Migrationsgeschichte zu erzählen. Dominguez’ Analyse macht deutlich, dass zwar viel (und stereotyp) über migrantische Männer gesprochen und geschrieben wurde, die Möglichkeiten zur medialen und kulturellen Selbstrepräsentation aber sehr beschränkt waren (und sind). Europäischer Hip-Hop wird als Produkt einer transnationalen migrantischen Jugendkultur und als Sprachrohr eines zugleich politischen wie kulturellen Aktivismus sichtbar, der sich gegen den rassistischen (und zunehmend anti-muslimischen) Ausschluss von Minderheiten richtet und damit immer auch kritisch hinterfragt, wer als deutsch und europäisch gilt und wem diese Zugehörigkeit verwehrt wird.[94] Hip-Hop als Jugendkultur und Medium der Selbstrepräsentation allerdings wird nicht zu Unrecht vorgeworfen, dass hier einseitig und klischeehaft männliche Härte und Potenz beschworen würden. Dominguez argumentiert hier mit Connell, dass es oft gerade marginalisierte Männer seien, die zu einer (der Norm nicht entsprechenden, als übertrieben wahrgenommenen) Zurschaustellung männlich kodierter Verhaltensweisen neigten und dass sich diese Männlichkeitsentwürfe entsprechend nur unter Einbeziehung sozialer, ökonomischer und rassistischer Ausschließungen – und damit in ihrer intersektionalen Verschränkung mit Klasse und „Rasse“ – verstehen lassen.

Was die vier Beiträge zur Geschichte der Männlichkeiten eint, ist – neben der Bezugnahme auf Connells Konzept hegemonialer Männlichkeit – die zentrale Rolle, die dem Körper und Sexualität(en) bei der Definition und Praxis von „Mannsein“ zukommt. Der von „Degeneration“ bedrohte Körper des weißen Kolonisators um 1900, der kastrierte Körper des Sexualstraftäters am Ende der 1960er-Jahre, der soldatische Habitus der Männer in der Antiterrorpolitik der 1970er-Jahre bis hin zum abgewerteten migrantischen Männerkörper machen deutlich, dass Männlichkeiten ohne je spezifische Konzepte von Körperlichkeit nicht denkbar sind.

Sektion IV: Körper und Sexualitäten

Im deutschsprachigen Raum setzte in den 1990er-Jahren eine intensivere Beschäftigung mit Körpern und Sexualitäten ein, die meist stark von Michel Foucaults Arbeiten zur Geschichte der Disziplinarmacht einerseits und der Sexualität andererseits geprägt waren. Entsprechend wurde Sexualität historisiert und als Macht-Wissen-Komplex analysiert, über den Subjekte und Bevölkerung gleichermaßen und auf je historisch-spezifische Weise reguliert wurden.[95] Mit dem Fou­cault’schen Begriff der Biopolitik ließen sich die staatlichen Zugriffe auf die Körper der Bürger_innen untersuchen, mit denen Sexualität, Fortpflanzung und Gesundheit der Bevölkerung gelenkt werden sollten – und die diese Bereiche als zentralen Kampfplatz der modernen europäischen Geschichte sichtbar machen. Diese neue biopolitische Ordnung war eine binär organisierte Geschlechter- und Körperordnung, die Heterosexualität zu einer nun (natur)wissenschaftlich begründeten, „gesunden“ Norm erklärte und Homosexualität (und andere Sexualitäten) als „abnorm“ pathologisierte.

Trotz dieser nicht zuletzt durch Foucault und Butler angestoßenen kritischen Neuperspektivierung von Körpern und Sexualitäten sind die Geschichten von Menschen, die sich als lesbisch, schwul, bi- oder intersexuell, queer oder Transgender identifizier(t)en, noch immer nicht ausreichend aufgearbeitet.[96] Die Beiträge in Sektion IV dieses Bandes spiegeln diese Forschungssituation insofern wider, als sie sich überwiegend mit männlichen und weiblichen Körpern innerhalb eines heterosexuellen Rahmens auseinandersetzen.[97] Heteronormativitätskritik ist aber nicht vom Untersuchungsgegenstand abhängig, sondern von der Perspektive, die auf den Gegenstand geworfen wird.[98] Zudem konnten auch heterosexuelle Beziehungen, wie bereits im Beitrag von Axster deutlich wurde, als nicht der Norm entsprechend und „widernatürlich“ aufgefasst werden, wenn es sich um die Verbindung von Weißen und Schwarzen handelte. Moderne Geschlechterverhältnisse sind demnach nicht losgelöst von „Rassen“-Ordnungen zu betrachten; europäische Geschlechter- und Körperordnungen basierten immer auch auf der Exklusion nicht-weißer Körper. Wenn die Körpergeschichte die Forderung der postcolonial studies ernst nimmt, europäische „Zentren“ und koloniale „Peripherien“ in einem gemeinsamen epistemologischen Feld zu analysieren[99], dann müssen die „body projects of empire“[100] als verflochtene Körperpolitiken betrachtet werden.

An die bereits von Axster thematisierte koloniale „Mischehefrage“ anschließend, befasst sich Judith Große mit einer geplanten Eheschließung zwischen einer weißen Deutschen und einem aus Kamerun stammenden Schwarzen Hausdiener in der Weimarer Republik. Sie analysiert die im Zusammenhang mit einem (von einer Freundin der potentiellen Braut verfassten) Leserbrief entfaltete Diskussion, der 1929 in der sexualreformerischen Zeitschrift Die Ehe erschien. Die von Große skizzierte Debatte zeigt zum einen, dass kolonialrassistische Ansichten auch nach dem Verlust der deutschen Kolonien und auch innerhalb der sich als linksliberal und progressiv verstehenden Sexualreformbewegung weiterhin zirkulierten – wenn hier bisweilen auch auf die Überlappung von „Rasse“ und Klasse und den zeitgenössischen (Sozial-)Rassismus kritisch Bezug genommen wurde. Zum anderen macht der untersuchte Leserbrief die extreme Sichtbarkeit Schwarzer Körper in Deutschland deutlich, das weit weniger Migration aus den (ehemaligen) Kolonien als etwa Frankreich oder Großbritannien zu verzeichnen hatte. Dennoch gehörten auch im deutschen Fall zur imperialen Beziehung in Kolonie und europäischer Metropole die Konfrontation und der Kontakt mit unterschiedlich rassifizierten[101] Körpern. Als Schwarzer Körper, so scheint es, gewinnt auch der Männerkörper eine spezifische Sichtbarkeit durch Sexualisierung, die ansonsten eher Frauenkörper betrifft. Letzteres legt nicht zuletzt auch der starke Fokus auf weibliche Körper in den übrigen Beiträgen in Sektion IV nahe.[102]

Von Foucault inspirierte Überlegungen zum Sexualitätsdispositiv haben Geschlecht und Sexualität als modernen biopolitischen Zusammenhang und damit die Verschränkung individueller und bevölkerungspolitischer Regulierungsversuche sichtbar gemacht. Daraus resultierte ein für Europa markanter, sich letztlich aber auch global auswirkender Zugriff auf Körper, der in seiner heteronormativen Vereindeutigung der Geschlechter vom späten 19. Jahrhundert bis (mindestens) zur Mitte des 20. Jahrhunderts zudem stark rassenhygienisch und eugenisch geprägt war. Ein Extrembeispiel für diesen Umgang mit Körpern untersucht Stefan Offermann in seinem Beitrag über die nationalsozialistische Euthanasiepolitik. Er nimmt dabei eine in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft erst in den letzten Jahren prominenter gewordene analytische Perspektive auf Körperlichkeit ein, indem er sich im Sinne der Disability Studies[103] mit der – im Nationalsozialismus über Leben und Tod entscheidenden – Zuschreibung respektive dem Absprechen von körperlicher und geistiger Befähigung (ability) befasst. In seiner auf das Blickregime fokussierten Analyse des 1941 von Wolfgang Liebeneiner produzierten Spielfilms Ich klage an, in dem die Protagonistin Hanna an multipler Sklerose erkrankt und von ihrem Mann auf eigenen Wunsch „erlöst“ wird, zeichnet Offermann die filmische Inszenierung des kranken und nach NS-Logik „lebensunwerten“ Körpers nach, der über seine zunehmend eingeschränkte Beweglichkeit als solcher markiert wird. Dabei gelingt es ihm, in intersektionaler Perspektive die konstitutive Bedeutung von Geschlecht für die Konstruktion „lebensunwerten“ Lebens aufzuzeigen. Normative Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit spielen nicht nur im Film, sondern spielten auch bei der „Aktion T4“ eine zentrale Rolle, wenn es darum ging, „störende“ oder „gefährliche“ Patient_innen zu identifizieren. Denn ob ein bestimmtes Verhalten als (noch) angepasst gedeutet wurde oder nicht, hing maßgeblich vom Geschlecht ab, wie Offermann darlegt.

Nach 1945 war es in Deutschland und Österreich notwendig, die Vorstellungen von Körperlichkeit, Sexualität und die Geschlechterrollen zu „entnazifizieren“. In diesem Zusammenhang gewannen ausländische Vorbilder und kulturelle Transfers an Bedeutung. Diesen in den 1950er- und 1960er-Jahren vorgenommenen Re-Formulierungen widmet sich Franz X. Eder, der sich mit den Sexualimages US-amerikanischer, französischer und schwedischer Frauen in westdeutschen und österreichischen Illustrierten befasst. Greifbar wird in dieser Analyse, wie sich mediale Vorstellungen von Weiblichkeit und weiblicher Sexualität in Österreich und der Bundesrepublik US-amerikanisierten bzw. westernisierten[104], und zwar über die massenhafte Zirkulation „fremder“ Frauenbilder, die auf der Textoberfläche oft abgelehnt oder nur sehr selektiv akzeptiert wurden, qua bildlicher Präsenz aber nichtsdestotrotz ihre attraktive Wirkung entfalteten. Wenn auch oft indirekt, so fand auf diese Weise eine (Wieder-)Einschreibung in einen europäisch-transatlantischen Sexualdiskurs statt, die eine Distanzierung von der Vergangenheit ermöglichte. Eders Beitrag macht deutlich, wie zentral zum einen die USA als Vorbild und Abgrenzungsfolie waren, wenn es um die Formulierung zukunftsträchtiger deutscher, österreichischer und europäischer Frauenbilder und Sexualnormen ging; zum anderen aber werden auch die Differenzen innerhalb Europas (hier: Westeuropas) sichtbar, die trotz der sich entwickelnden Gemeinsamkeiten zu nationalspezifischen Ausprägungen der Sexualimages führten.

Mit Vorstellungen weiblicher Attraktivität befasst sich auch der Beitrag von Detlef Siegfried, der auf Basis einer Anfang 1963 im Auftrag von Reader’s Digest London durchgeführten „Sieben-Länder-Untersuchung“ zum Konsumverhalten der Leserinnen die Transformationen europäischer Schönheitspraktiken analysiert. Am Beispiel der Verwendung von Lippenstift zeigt Siegfried die Ähnlichkeiten, vor allem aber auch die markanten nationalen Differenzen innerhalb (West-) Europas auf und zeichnet die in der Bundesrepublik intensiv geführten Debatten um die Legitimität körperlicher Attraktivität insbesondere junger Frauen nach. Während sich in Großbritannien bereits in den 1950er-Jahren die „Teenage girls“ samt zugehöriger Jugend(konsum)kultur etabliert hatten, blieben in der Bundesrepublik und, stärker noch, in Italien konservative Stimmen in den öffentlichen Debatten tonangebend; weibliche Schönheitspraktiken, insbesondere bei Minderjährigen, wurden als unmoralisch diskreditiert. Angesichts der gerade in Deutschland dominanten Natürlichkeitsideologie bis hin zur nationalsozialistischen Kritik am Schminken betont Siegfried das emanzipatorische Potential des self-fashioning junger Frauen, das die europäischen Schönheitspraktiken signifikant veränderte und qua moderner Konsumkultur neue Selbstentwürfe ermöglichte. Der Beitrag signalisiert damit eine Ausweitung des (normativen) Konzepts „Emanzipation“ in Richtung eines breiten Verständnisses von agency, das auch konsumkulturelle Formen der Subjektivierung als Kampf um Anerkennung versteht.[105]

Mit einer markanten Veränderung geschlechtsspezifischer Kleidungspraxis nach 1945 beschäftigt sich Susanne Oesterreich, die der Etablierung der Frauenhose in der DDR nachgeht. Damit weitet sich der Blick über Westeuropa hinaus und macht es möglich, nach europäischen Gemeinsamkeiten auch über den „Eisernen Vorhang“ hinweg zu fragen. Denn trotz nationaler Besonderheiten konnte sich in ganz Europa die – zunächst in Stoff und Schnitt noch deutlich vom männlichen Vorbild abweichende – Frauenhose durchsetzen, die letztlich nicht mehr auf Sport oder Arbeitswelt beschränkt bleiben sollte. Für eine körperhistorische Perspektive ist der Fokus auf Mode insofern vielversprechend, als er das performative Moment geschlechtsspezifischer Körperlichkeit betont und die alltägliche Inszenierung von Männer- und Frauenkörpern in ihrem historischen Wandel nachzuzeichnen erlaubt. Oesterreichs Beitrag macht darüber hinaus deutlich, dass in der von ihr analysierten Ratgeberliteratur und Frauenpresse klar zwischen verschiedenen Frauenkörpern differenziert wurde. Das Tragen von Hosen galt für junge und schlanke Frauen als unproblematisch. Mithin waren Alter und Körperform die zentralen (ästhetischen) Parameter, über die weibliche Ausdrucksformen und Handlungsspielräume reglementiert werden sollten.

Den Abschluss der Sektion „Körper und Sexualitäten“ bildet der Beitrag von Stefan Wiederkehr, der sich mit den zwischen 1968 und 1998 durchgeführten Sexchromatintests befasst, denen sich alle Teilnehmerinnen an Frauenwettkämpfen bei den Olympischen Spielen unterziehen mussten. Auf diese Weise sollte sichergestellt werden, dass ausschließlich Frauen gegeneinander antraten. Die Labortests, aber auch die mediale Debatte darüber, welcher Körper als Frauenkörper akzeptiert wurde, machen die Kriterien explizit, anhand derer geschlechtliche Zuordnungen vorgenommen wurden (und werden). Im Falle des von Wiederkehr analysierten Informationsblattes der Medizinischen Kommission des Internationalen Olympischen Komitees aus dem Jahre 1972 ging es um die Feststellung des chromosomalen Geschlechts. In den von der Systemkonkurrenz des Kalten Krieges geprägten medialen Debatten hob die westliche Presse auf hormonelle Manipulationen ab, die als Erklärung für die „vermännlichten Ostblockathletinnen“ angeführt wurden; die Systemkonkurrenz erweist sich damit, wie bereits angemerkt, auch als eine zwischen unterschiedlichen Geschlechterordnungen. Ohne Butlers Ansatz, dass sex schon immer gender sei, zu teilen, machen Wiederkehrs Ausführungen nicht nur deutlich, wie schwierig eine biologisch-medizinische Kategorisierung des Geschlechts ist, sondern auch wie stark die Bestimmung des Geschlechtskörpers von gesellschaftlichen (Gender-)Normen geprägt ist. Intersexualität, aber auch „Inkohärenzen“ zwischen chromosomalem und hormonellem, zwischen geno- und phänotypischem Geschlecht stellen das binäre Geschlechtermodell in Frage. Das ist gerade für den Leistungssport ein großes Problem, handelt es sich hier doch um einen gesellschaftlichen Bereich, der wie vielleicht kaum ein anderer auf der Annahme und rigiden Durchsetzung (genau) zweier klar definierter Gruppen von Körpern basiert und keinerlei Uneindeutigkeiten bezüglich der Geschlechtszugehörigkeit zulässt. Den großen normalisierenden Aufwand, der zu diesem Zwecke betrieben werden muss, und die den Normalisierungsversuchen inhärenten Verfehlungen machen die Geschlechtertests sichtbar.[106]

Europäische Geschlechtergeschichten und ihre Quellen

Während die vier Themen- und Problemfelder dieses Bandes Schwerpunkte der Frauen- und Geschlechtergeschichte aufgreifen und zentrale Debatten und Akzentverschiebungen verdeutlichen sollen, besteht ein weiteres Anliegen darin, auf die Vielfalt an für die Geschlechtergeschichte relevanten Quellen hinzuweisen. Die Autor_innen wurden gebeten, auf den spezifischen Quellenwert ihres Materials für ihre Fragestellungen einzugehen, um auf diese Weise Möglichkeiten und Grenzen einzelner Quellenarten aufzuzeigen. Zu den analysierten Quellen aus 200 Jahren europäischer Geschichte zählen Briefe, Abhandlungen über die Ehe, Ratgeberliteratur, Zeitschriftenartikel, Reiseberichte, Gesetzesentwürfe und Reglements für Geschlechtertests, Flugblätter und Informationspapiere aus dem Umfeld der neuen sozialen Bewegungen, Konsum-Umfragen sowie Ton- und Bildquellen, namentlich Postkarten, Interviews, Dokumentar- und Spielfilme sowie ein Rap-Song. Der Band versteht sich damit auch als Plädoyer für eine intensive wie extensive Quellenlektüre, die auch für marginal erachtete Quellentypen berücksichtigt.[107]

Die Autor_innen dieses Bandes ziehen für ihre Untersuchungen auch Parallel- und ergänzende Quellen hinzu, aber der eigentliche Reiz der im Themenportal „Europäische Geschichte“ und nun in diesem Band zusammengeführten Essays liegt darin, eine genaue Analyse einer einzelnen Quelle anzubieten. Auf diese Weise lässt sich zum einen die Vielfalt geschlechterhistorisch aussagekräftiger Quellen andeuten respektive zeigen, dass im Grunde fast jede Quelle aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive interpretierbar ist, weil Geschlecht als zentrale Strukturkategorie beinahe jedes Dokument (mit-)prägt. Zum anderen geben die hier versammelten Analysen auch die jeweiligen medialen Besonderheiten des Untersuchungsmaterials zu erkennen – gerade in der Kontrastierung mit den anderen in diesem Band betrachteten Quellentypen. Auch wenn die Geschichtswissenschaft nach wie vor hauptsächlich mit Textquellen arbeitet, zeigen mehrere Beiträge dieses Bandes, dass sich die Visual History mittlerweile zu einem bedeutenden Gebiet der Historiografie entwickelt hat und unser Wissen über Geschlechter- und Körperbilder sowie insgesamt über wirkmächtige gesellschaftliche Imaginationen signifikant erweitert hat.

Die hier präsentierte Auswahl von Quellen erhebt selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. So wie eine europäische Geschlechtergeschichte nicht auf bestimmte Themen oder Methoden festgelegt und stattdessen eher durch das permanente Aufwerfen neuer Fragen gekennzeichnet ist[108], so besitzt sie auch keine klar definierte Quellenbasis. Worauf sie aber für viele ihrer Fragestellungen angewiesen ist, ist eine vielfältige Archivlandschaft, die neben staatlichen, kommunalen, Kirchen-, Verbands- und Wirtschaftsarchiven auch kleinere, oft unabhängige Archive umfasst.[109] Entscheidend ist jedoch nicht nur, dass Quellen vorhanden sind, sondern auch dass sie in der Archivpraxis möglichst umfassend erschlossen sind und bei der Erstellung von Findmitteln Geschlecht, Sexualität etc. als relevante Kategorien berücksichtigt werden, damit Forscher_innen sie finden können.[110] Für die Geschichte marginalisierter Gruppen kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Da ihre Geschichte nur in seltenen Fällen dokumentiert wird, spielt der Aufbau „eigener“ Archive eine wichtige Rolle für Sammlung und Erhalt historischen Materials – und bildet oftmals die Voraussetzung, bestimmte Geschichten überhaupt aufarbeiten zu können.[111]

Die Digitalisierung macht zunehmend Quellen über die europäischen Frauenbewegungen und andere Aspekte von Frauenleben zugänglich oder zumindest recherchierbar. Wichtige Dokumente der Frauenbewegung in der Habsburgermonarchie und dem Österreich der Zwischenkriegszeit sind etwa im Online Portal „Frauen in Bewegung 1848–1938“ verfügbar, das in das frauen- und genderspezifische Wissensportal Ariadne der Österreichischen Nationalbibliothek eingebettet ist. Das FRAGEN Projekt stellt Schlüsseldokumente der feministischen Bewegungen in Europa aus 29 Ländern digital zur Verfügung. Mit Hilfe dieser online zugänglichen Quellensammlungen lassen sich europäische Vergleichs- und Transferstudien leichter durchführen. Zudem zeigen die grenzüberschreitend kooperierenden Projekte zur Erschließung frauen- und geschlechtergeschichtlich relevanten Materials, dass die Akteur_innen in diesem Bereich gut vernetzt und damit selbst an der weiteren Transnationalisierung und Europäisierung der Geschlechtergeschichte beteiligt sind.

DANK

Bedanken möchten wir uns zum einen bei den Autor_innen, die uns ihre interessanten Beiträge für die Printversion – oft in nochmals überarbeiteter Form – zur Verfügung gestellt haben, sowie bei Dietlind Hüchtker, Christiane Reinecke und Hannes Siegrist, die mit ihrer fundierten Kritik viel zur Präzisierung der Einleitung beigetragen haben. Unser Dank gilt zudem Susann Winsel, Anne Lammers, Chiara Bonfiglioli, Nicole Reichert und Florian Simonis, die uns bei der Redaktion und Erstellung des Manuskripts geholfen haben.

Maria Bühner und Maren Möhring

Leipzig, im Dezember 2017

[1] Die Druckversion des Artikels findet sich in: Bühner, Maria; Möhring, Maren (Hgg.), Europäische Geschlechtergeschichten, Stuttgart 2018, URL: https://www.europa.clio-online.de/schriftenreihen/europaeische-geschlechtergeschichten (22.03.2019).

[2] Um Platz zu lassen für mehr als zwei Geschlechter und darauf hinzuweisen, dass Geschlecht eine sozial und kulturell hervorgebrachte Kategorie ist, haben wir uns an verschiedenen Stellen dafür entschieden ein gender gap mit Unterstrich zu setzen. Den Autor_innen dieses Bandes stand es frei, wie sie geschlechtergerechte Sprache umsetzen.

[3] Hausen, Karin, Die Nicht-Einheit der Geschichte als Herausforderung. Zur historischen Relevanz und Anstößigkeit der Geschlechtergeschichte, in: Medick, Hans; Trepp, Anne-Charlott (Hgg.), Geschlechtergeschichte und Allgemeine Geschichte. Herausforderungen und Perspektiven, Göttingen 1998, S. 15–55, hier S. 35, 54–55.

[4] Woolf, Virginia, Orlando. Eine Biographie, Leipzig 1983, S. 122.

[5] Vgl. Amrain, Susanne, So geheim und vertraut. Virginia Woolf und Vita Sackville-West, Frankfurt am Main 2006.

[6] Vgl. Hausen, Karin, Einleitung, in: dies., Geschlechtergeschichte als Gesellschaftsgeschichte, Göttingen 2012, S. 7–15, hier S. 7.

[7] Vgl. Heinsohn, Kirsten; Kemper, Claudia, Geschlechtergeschichte, Version: 1.0, in: Docu-pedia-Zeitgeschichte 2012, URL: http://docupedia.de/zg/ (10.09.2017). Historische Forschung von Frauen über Frauen hat es aber bereits zuvor gegeben: Vgl. Paletschek, Sylvia, Die Geschichte der Historikerinnen. Zum Verhältnis von Historiografiegeschichte und Geschlecht, in: Freiburger FrauenStudien, 20 (2007), S. 27–49. Zur geschlechterhistorischen Dimension der Historiografie(geschichte) siehe Epple, Angelika; Schaser, Angelika (Hgg.), Gendering Historiography. Beyond National Canons, Frankfurt am Main 2009.

[8] Das gilt auch für die Schweiz, wie Elisabeth Joris, Geschlechtergeschichte. Von der Spurensuche zur thematisch ausdifferenzierten Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse, in: traverse. Zeitschrift für Geschichte 18 (2011), S. 238–269, hier S. 240, darlegt.

[9] Das international wohl einflussreichste Organ der Geschlechtergeschichte, Gender & History, erschien erstmals 1989 und zeigt mit dem einleitenden programmatischen Aufsatz von Gisela Bock, wie eng die Frauen- und Geschlechterhistoriker_innen international zusammenarbeiteten.

[10] Vgl. Heinsohn; Kemper, Geschlechtergeschichte. Zur Position von Frauen in der deutschen Geschichtswissenschaft siehe Hagemann, Karen, Gleichberechtigt? Frauen in der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft, in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contempor-ary History, Online-Ausgabe 13 (2016), H. 1, URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2016/id=5333, Druckausgabe: S. 108–135.

[11] Zur Situation der Women’s (und Gender) Studies in Europa zu Beginn des neuen Jahrtausends siehe Griffin, Gabriela; Braidotti, Rosi (Hgg.), Thinking Differently. A Reader in European Women’s Studies, London, New York 2002.

[12] Vgl. Hark, Sabine; Villa, Paula-Irene (Hgg.), Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen, Bielefeld 2015. Zu den aktuellen Verschränkungen von Sexismus, aber auch Feminismus und Rassismus siehe dies., Unterscheiden und herrschen. Ein Essay zu den ambivalenten Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart, Bielefeld 2017.

[13] Vgl. Angehrn, Céline, Nicht erledigt. Die Herausforderungen der Frauengeschichte und der Geschlechtergeschichte und die Geschichte des Feminismus, in: L’Homme. Z.F.G. 28 (2017), H. 1, S. 115–122, hier S. 118.

[14] Hausen, Einleitung, S. 8.

[15] Für eine der ersten epochenübergreifenden Gesamtdarstellungen siehe die fünfbändige „Geschichte der Frauen“, herausgegeben von George Duby und Michelle Perrot, deren italienische Originalausgabe 1990–92 unter dem Titel „Storia delle donne in occidente“ erschien.

[16] Vgl. Bock, Gisela, Challenging Dichotomies. Perspectives on Women’s History, in: Offen, Karen; Pierson, Ruth; Rendall, Jane (Hgg.), Writing Women’s History. International Perspectives, Basingstoke u.a. 1991, S. 1–24, hier S. 1–7. Auf Deutsch erschienen in: Fragwürdige Dichotomien. Eine Herausforderung für die Geschlechtergeschichte, in: dies. (Hg.), Geschlechtergeschichte der Neuzeit. Ideen, Politik, Praxis, Göttingen 2014, S. 44–66.

[17] Eifert, Christiane, Geschlechtergeschichte, in: Jordan, Stefan (Hg.), Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe, Stuttgart 2002, S. 130–134, hier S. 132f.; Medick, Hans; Trepp, Anne-Charlott, Vorwort, in: dies. (Hgg.), Geschlechtergeschichte und Allgemeine Geschichte. Herausforderungen und Perspektiven, Göttingen 1998. Einschlägig zur Frage einer neuen Periodisierung: Kelly(-Gadol), Joan, Did women have a renaissance?, in: Women, History, and Theory. The Essays of Joan Kelly, Chicago, London 1984, S. 19–50.

[18] So Opitz-Belakhal, Claudia, Gender in Transit – oder am Abgrund? Ein Diskussionsbeitrag zu Stand und Perspektiven der Geschlechtergeschichte, in: L’Homme. Z.F.G. 28 (2017), H. 1, S. 108–114, hier S. 108–109.

[19] Vgl. Davis, Natalie Zemon, „Women’s History“ in Transition. The European Case Source, in: Feminist Studies 3 (1976), H. 4, S. 83–103.

[20] „[G]ender is a constitutive element of social relationships based on perceived differences between the sexes, and gender is a primary way of signifying relations of power“ (Scott, Joan W., Gender: A Useful Category of Historical Analysis, in: American Historical Review 91 (1986), S. 1053–1075, hier S. 1067). Auf Deutsch erschienen als: Gender: Eine nützliche Kategorie der historischen Analyse, in: Kaiser, Nancy (Hg.), Selbst Bewusst. Frauen in den USA, Leipzig 1994, S. 27–75.

[21] „Sexuierung“ bezeichnet den Vorgang, bei dem körperlichen Merkmalen und Phänomenen Bedeutung im Sinne geschlechtlicher Zuschreibungen gegeben wird.

[22] “[I]t is gender that produces meanings for sex and sexual difference, not sex that determines the meanings of gender. If that is the case, then [...] not only is there no distinction between sex and gender, but gender is the key to sex.” (Scott, Joan W. Unanswered Questions (AHR Forum), in: American Historical Review 113 (2008), H. 5, S. 1422–1430, hier S. 1428).

[23] Butler, Judith, Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity, New York u.a. 1990 (dt. Das Unbehagen der Geschlechter. Aus dem Amerikanischen von Kathrina Menke, Frankfurt am Main 1991); Butler, Judith, Bodies that matter, New York 1993 (dt. Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts, Berlin 1995).

[24] Kraß, Andreas, Queer Studies – eine Einführung, in: ders. (Hg.), Queer Denken. Gegen die Ordnung der Sexualität (Queer Studies), Frankfurt am Main 2003, S. 7–28, hier S. 18. Siehe auch Engel, Antke, Geschlecht und Sexualität. Jenseits von Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität, in: Moebius, Stephan; Reckwitz, Andreas (Hgg.) Poststrukturalistische Sozialwissenschaften, Frankfurt am Main 2008, S. 330–346.

[25] Vgl. Claudia Opitz, Geschlechtergeschichte, Frankfurt am Main u.a. 2010, S. 25. Siehe auch: Griesebner, Andrea, Feministische Geschichtswissenschaft. Eine Einführung, Wien 22012, S. 171–180.

[26] Auf die teils gravierenden Unterschiede in der Art und Weise, wie „sex“ und „gender“ in verschiedenen europäischen Sprachen gefasst werden, hat Rosi Braidotti aufmerksam gemacht. Für sie ist die erfolgreiche Butler’sche Kritik des sex-gender-Systems nicht nur ein fruchtbarer Ansatz, sondern auch ein Zeichen für die Dominanz des Englischen und anglo-amerikanischer Konzepte (auch) in der feministischen Wissenschaft. Vgl. Braidotti, Rosi, The Uses and Abuses of the Sex/Gender Distinction in European Feminist Practices, in: Griffin, Gabriela; dies. (Hgg.), Thinking Differently, S. 285–310.

[27] Butler, Körper von Gewicht, S. 21. Im Anschluss kann Jon McKenzie formulieren: „Norms become sedimented as [im Original hervorgehoben] (and not in) gendered bodies“ (Mc-Kenzie, Jon, Genre Trouble. (The) Butler Did It, in: Phelan, Peggy; Lane, Jill (Hgg.), The Ends of Performance, New York u.a. 1998, S. 217–235, hier S. 221).

[28] Duden, Barbara, Die Frau ohne Unterleib. Zu Judith Butlers Entkörperung, in: Feministische Studien 11 (1993), H. 2, S. 24–33.

[29] Vgl. Duden, Barbara, Geschichte unter der Haut. Ein Eisenacher Arzt und seine Patientinnen um 1730, Stuttgart 1987.

[30] Scott, Joan W., The Evidence of Experience, in: Critical Inquiry 17 (1991), H. 3, S. 773–797; Opitz, Geschlechtergeschichte, S. 18–22. Siehe auch Stoff, Heiko, Diskurse und Erfahrungen. Ein Rückblick auf die Körpergeschichte der 90er Jahre, in: 1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts 14 (1999), H. 2, S. 142–160.

[31] Barad, Karen, Posthumanist Performativity. Toward an Understanding of How Matter Comes to Matter, in: Signs 28 (2003), H. 3, S. 801–831. Neben der „agency“ der Materie spielen im New Materialism auch Re-Lektüren klassischer materialistischer Theorien und die verstärkte Einbeziehung geopolitischer (globaler) Ungleichheiten eine zentrale Rolle.

[32] Dass „gender“ mitunter als „successful effacement of the discomforts associated with feminist critique“ fungiert hat, stellt Greta Olson, Gender as a Travelling Concept. A Feminist Perspective, in: Neumann, Birgit; Nünning, Ansgar (Hgg.), Travelling Concepts for the Study of Culture, Berlin u.a. 2012, S. 205–223, hier S. 205, heraus. Nicht nur die Geschlechter-geschichte, sondern auch die Gender Studies insgesamt lassen sich mithin nicht unbedingt als „feministisches Wissensprojekt“ verstehen, wie: Hark, Sabine, Dissidente Partizipation. Eine Diskursgeschichte des Feminismus, Frankfurt am Main 2005, S. 259, betont.

[33] Vgl. Angehrn, Nicht erledigt, S. 117–122. Vgl. zum Verhältnis von Frauen- und Geschlechtergeschichte auch Bock, Gisela, „Multiple Stories“. Perspektivenwandel in der Frauen und Geschlechtergeschichte, in: dies. (Hg.), Geschlechtergeschichte der Neuzeit. Ideen, Politik, Praxis, Göttingen 2014, S. 7–18.

[34] Hacker, Hanna, Erinnerungen an die Möglichkeit einer Historiografie lesbischer Frauen und die queere Notwendigkeit ihres Verlusts, in: L’Homme. Z.F.G. (2017), H. 1, S. 71–88, hier S. 77.

[35] Hausen, Nicht-Einheit, S. 35, 54–55.

[36] Bock, Gisela, Die Frauen und der Nationalsozialismus: Bemerkungen zu einem Buch von Claudia Koonz, in: Geschichte und Gesellschaft 15 (1989), S. 563–579; von Saldern, Adelheid, Victims or Perpetrators? Controversies about the Role of Women in the Nazi State, in: Crew, David (Hg.), Nazism and German Society. 1933–1945, London 1994, S. 141–165.

[37] Zu dritten Geschlechtern in anderen Teilen der Welt siehe die politisch und persönlich inspirierte Studie Feinberg, Leslie, Transgender Warriors. Making History from Joan of Arc to Dennis Rodman, Boston 1996 sowie die knappen Hinweise bei Merry Wiesner-Hanks, Gender History and Global History. Borders and Intersections, in: L’Homme. Z.F.G. 23 (2012), H. 2, S. 79–85, hier S. 82.

[38] Hausen, Karin, Die Polarisierung der „Geschlechtercharaktere“. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben, in: Conze, Werner (Hg.), Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas, Stuttgart 1976, S. 363–393.

[39] Laqueur, Thomas, Making Sex. Body and Gender from the Greeks to Freud, Cambridge Mass. 1990 (dt. Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud, Frankfurt am Main u.a. 1992). Für eine kritische Auseinandersetzung und Präzisierung von Laqueurs Überlegungen siehe: Voß, Heinz-Jürgen, Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive, Bielefeld 2010. Grundlegend vgl. auch: Fausto-Sterling, Anne, Sexing the Body. Gender Politics and the Construction of Sexuality, New York 2000.

[40] Honegger, Claudia, Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaften vom Menschen und das Weib. 1750–1850, Frankfurt am Main 1991.

[41] Rang, Brita, Zur Geschichte des dualistischen Denkens über Mann und Frau. Kritische Anmerkungen zu den Thesen von Karin Hausen zur Herausbildung der Geschlechtscharaktere im 18. und 19. Jahrhundert, in: Dalhoff, Jutta (Hg.), Frauenmacht in der Geschichte – Beitr. d. Historikerinnentreffens 1985 zur Frauengeschichtsforschung (Studien Materialien zur Geschichtsdidaktik; 41), Düsseldorf 1986, S. 194–204, hier S. 198f.

[42] Für einen Überblick über die Geschichte der Familie in Europa von der Antike bis zur Moderne siehe Gestrich, Andreas; Krause, Jens-Uwe; Mitterauer, Michael, Geschichte der Familie, Stuttgart 2003.

[43] Passerini, Luisa, Ist eine europäische Frauengeschichte möglich? Beitrag zur Podiumsdiskussion am vierten nationalen Kongress der Società italiana delle storiche, in: Neuverortung Geschlechtergeschichte, URL: http://www.univie.ac.at/Geschichte/salon21/?p=213 (13.11. 2017).

[44] Blom, Ida; Hagemann, Karen; Hall, Catherine (Hgg.), Gendered Nations. Nationalisms and Gender Order in the Long Nineteenth Century, London u.a. 2000.

[45] Frevert, Ute; Pernau, Margrit, Europa ist eine Frau. Jung und aus Kleinasien. Beitrag zum Themenschwerpunkt „Europäische Geschichte – Geschlechtergeschichte“. Themenportal Europäische Geschichte, URL: http://www.europa.clio-online.de/2009/Article=401 (13.11. 2017). Siehe auch Schröder, Iris, Europäische Geschichte – Geschlechtergeschichte. Einführende Überlegungen zu einer möglichen Wahlverwandtschaft. Beitrag zum Themenschwerpunkt „Europäische Geschichte – Geschlechtergeschichte“, in: Themenportal Europäische Geschichte, (24.08.2017).

[46] Siehe exemplarisch: Stoler, Ann Laura, Race and the Education of Desire. Foucault’s

Für das Themenportal verfasst von

Maria Bühner

( 2019 )
Zitation
Maria Bühner, Einleitung. Europäische Geschlechtergeschichten, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2019, <www.europa.clio-online.de/essay/id/fdae-1727>.
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